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Symbolsprache
Gehen wie ein Politiker

Barack Obama und andere: Gehen wie ein Politiker
Politisches Gehen: John Cleese in dem berühmten Monty-Python-Sketch "Ministry of Silly Walks." FOTO: dpa
Düsseldorf. Wenn sich Politiker bei der Arbeit filmen lassen, dann gerne gehend. Auch in US-Fernsehserien übt der Präsident sein Amt zumeist im Gehen aus. Der rastlose Politiker ist das Sinnbild unserer beschleunigten Zeit. Essay über ein Phänomen. Von Philipp Holstein

Wenn man in den Einspielfilmen der "Tagesschau" Politiker sieht, dann kommen sie entweder gerade aus Konferenzräumen oder sie steigen aus einer Limousine, um in einen Konferenzraum zu gelangen. In fast jedem Fall aber gehen sie, und selten sieht man, wie sie anhalten, verweilen oder mal ausruhen.

Das ist auffällig: Man sieht Politiker zumeist gehend, sie gehen durch die Gänge des Reichstags oder einer Parteizentrale, sie gehen ins UN-Hauptquartier oder durch ein Katastrophengebiet, und kurze Lageberichte werden ebenfalls im Gehen kundgetan. Wenn man sich dann nach der "Tagesschau" eine US-Fernsehserie ansieht, die von Politik handelt, "West Wing" vielleicht, "Veep" oder "Scandal", dann trifft der Präsident der Vereinigten Staaten seine Entscheidungen dort ebenfalls immer im Gehen, von Beratern begleitet durch die Flure des Weißen Hauses ziehend. Und weil es in Amerika für alles Neue sogleich eine Formel gibt, haben sie auch für dieses Phänomen eine. Sie nennen es "walk & talk".

Es könnte sein, dass das Bild des gehenden Politikers ein Symbol für unsere Zeit ist. Vielleicht stand am Anfang schlichtweg ein Regie-Trick: Statt elend lange Verhandlungen bei Filterkaffee und Keksmischung zu dokumentieren, entschied man sich für dynamische Ankunfts- und Abfahrtsszenen. Aber irgendwann ist aus den Bildern mehr geworden, jedenfalls sind sie längst keine Stellvertreter mehr, sie sind nun aus sich selbst heraus gültig. Menschen lieben Zeichen, die ihnen Komplexes aufschlüsseln, und die Bilder von gehenden Politikern konkretisieren die Unübersichtlichkeit politischen Handelns.

Wie mit Fotos Politik gemacht wird FOTO: AP

Das Gehen impliziert Gutes: Wenn einer geht, heißt das, dass er ein Ziel hat. Er wird gebraucht. Echte Politiker in der "Tagesschau" und fiktive in Serien gehen schnellen Schrittes, was für Entschlusskraft steht und auf Zeitdruck deutet. Das Gehen und das Gefilmtwerden in den Fluren der Verwaltungsräume lassen sich von Politikern als Performance nutzen, mancher inszeniert sich gerne. Eine Akte lässig unter den Arm geklemmt sagt: Ich habe meine Aufgaben im Griff. Politik als Choreografie, der Parlamentsflur als Catwalk. Von Tony Blair heißt es, er habe sich während des Irakkriegs einen anderen Gang antrainiert, um neben dem texanisch ausschreitenden George W. Bush nicht allzu blasiert zu erscheinen.

Der Bremer Politik-Professor Philip Manow hat in der Zeitschrift "Merkur" einen erhellenden Aufsatz über das "walk & talk" geschrieben. Er findet, dass ein Kameraschwenk auf verschlossene Sitzungstüren den Zuschauer verunsichern würde. Solch eine Einstellung lege nahe, da passiere etwas Geheimes, sie würde mitunter ängstigen und Unbehagen auslösen. Die ritualisierte und mit "arrival & doorstep" betitelte Abfolge aus Aussteigen und Zum-Sitzungsraum-Gehen hingegen vermittle Sicherheit. Sie sei "die sichtbare Außenseite der Politik", eine "Zeichenordnung im Kampf gegen den stetigen Verschleiß politischer Legitimation".

Das Gehen stand immer schon in Verbindung mit Tatkraft und Entschlossenheit. Die Peripatetiker aus der philosophischen Schule des Aristoteles dachten, während sie in Athens Wandelhalle gingen, und sie konkretisierten ihre Gedankenflüsse dann im Stehen. Man könnte sagen: Sie gingen den Dingen auf den Grund. Gehen ist ein demokratischer Vorgang: Bürger gingen im 19. Jahrhundert zu Fuß, während der Adel in der Equipage dem Untergang entgegenfuhr. "Alles Ständische und alles Stehende verdampft", heißt es im "Kommunistischen Manifest". Gehen ist ein Akt der Aneignung, schreibt der Philosoph Michel de Certeau in seiner "Kunst des Handelns", in diesem Fall die Aneignung des politischen Raums: "Der Gehende aktualisiert auf seinem Weg die Möglichkeiten, welche die räumliche Ordnung enthält." Gehen ist der Anfang von Gelingen. "Das Gehen ist Öffnung zur Welt", heißt es in David Le Bretons Buch "Lob des Gehens". Wer geht, lebt den Transit, er lässt sich nicht gefangen nehmen von starren Meinungen. Er kann auf die Herausforderungen einer beschleunigten Zeit reagieren, er ist rasch dort, wo er gebraucht wird. Er ist bereit für die flüssige Moderne.

Spitznamen unserer Politiker FOTO: ddp

Philip Manow spricht von einer "Rhetorik des Gehens", die sich ausgebildet habe. Der Politiker geht voran, "unerschrocken durch die Gefahrenzonen des Burn-out". Seine Mitarbeiter öffneten als Streckenposten Türen oder reichten als Wasserträger letzte Informationen an. In den TV-Serien "West Wing", "Veep" und "Scandal" kann man das schön beobachten: Der Präsident geht in der Gruppe, er hat die Nase vorn, die Referenten versuchen, Schritt zu halten. Gesprochen wird von vorne nach hinten, Hierarchie wird ins Waagerechte verlagert, der Informationsfluss verläuft horizontal. "Was ist das Problem?", fragt der Präsident, darauf sagen die Zuträger, wo es hakt, und dann fordert der Präsident: "Lösen wir es!" Permanente Hochdrucksituation also, und dass der Präsident geht, ist bereits Teil der Lösung: Gleich sind wir am Ziel. Bob-der-Baumeister-Prinzip: "Can we fix it?" - "Yes we can!"

Bürokratie ist Komplexitätsrepräsentation und Politik im Idealfall Komplexitätsreduktion. Wer geht, macht etwas Einfaches, Elementares, zutiefst Menschliches. Gehen ist Beginnen. Das Zentrum der Macht gibt es im Grunde nicht mehr. Es hat sich aufgeteilt in ungezählte Entscheidungsräume. Vereinfacht gesagt: Da ist kein Thron mehr, vor den man tritt, um Entscheidungen entgegenzunehmen. Macht ist heutzutage ortlos, auch deshalb passt das Bild des gehenden Politikers so gut: Er muss weiter, Orte verbinden, Menschen in Beziehung setzen, Themen zueinanderführen.

Wer sich während der "Tagesschau" also sorgt, weil Politiker immerzu gehen und kaum je anhalten, um auszuruhen, darf sich beruhigen: Im Gehen macht sich Politik medial plausibel. Wenn alle gehen, läuft alles rund.

Fotos: Tränen, Schluchzer, Stimmprobleme - wenn Politiker weinen FOTO: afp, kat/apr

Gehen ist Demokratie.

Quelle: RP
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