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Ludwig Forum Aachen
Baumeister Mies van der Rohe als Künstler

Das Ludwig Forum Aachen zeigt Collagen des großen Architekten sowie Werke von Kandinsky, Klee, Schwitters, Kuball und Ruff. Von Annette Bosetti

Man kennt seinen Stuhl aus gebogenem Stahlrohr, den kühnen, lichtdurchfluteten Barcelona Pavillon, den er für die Weltausstellung 1929 entworfen hat, die Nationalgalerie in Berlin von 1968, die derzeit renoviert wird, und sicherlich auch das Seagram Building, mit dem sich Mies van der Rohe 1958 in New York empfohlen hat. Doch Ludwig Mies (1886 - 1969) hatte auch künstlerische Ambitionen, die jetzt erstmals in Deutschland im Ludwig Forum für Internationale Kunst seiner Heimatstadt Aachen gezeigt werden.

Ein völlig neuer Blick wird enthüllt auf das künstlerische Kalkül, das den Bauhaus-Meister und Architekten der Neuen Sachlichkeit zeitlebens umtrieb. Zwischen 1910 und 1965 schuf er eine Vielzahl von Collagen und Fotomontagen, in denen die Gestaltungsprinzipien seiner Architektur anklingen. Mehr als das sind die im Museum of Modern Art (MoMa) beheimateten Bilder eigenständige Kunstwerke, frei von Zweckgebundenheit, Belege seiner Visionen und seiner künstlerischen wie visionären Vorlieben, die mit den Künstlerfreunden seiner Zeit eng korrespondierten.

Der in diesem Jahr angetretene neue Leiter des Forums, Andreas Beitin, hat enormen Aufwand betrieben, die aus dem MoMa entliehenen Arbeiten zu inszenieren und durch Positionen seiner Künstlerfreunde zu kommentieren. So konnte er einige Werke der klassischen Moderne, die Mies in seine Collagen einarbeitete, im Original ausleihen. Wassily Kandinsky, Paul Klee, El Lissitzky oder auch Wilhelm Lehmbruck, dessen Skulpturen in die Bilder hineinmontiert wurden.

Darüberhinaus bat der Forums-Chef sechs zeitgenössische Künstler, Werke zu zeigen, die aus ihrer langjährigen Auseinandersetzung mit dem Schaffen des Architekten entspringen. So hat etwa einer der Hauptvertreter der Düsseldorfer Fotoschule, Thomas Ruff, zahlreiche Mies-Bauten fotografiert und diese in der Postproduktion verändert, um den gewohnten Blick zu brechen und zu hinterfragen. Medienkünstler Mischa Kuball, ebenfalls aus Düsseldorf, hat zwei Installationen extra zur Ausstellung konzipiert, in denen er Mies grundsätzlicher angeht. "Global Window" heißt sein dauerflackerndes Video über Licht und Fenster und über deren Wirkmacht in den nur von Stahl skelettierten Bauten. Monotonie und Uniformität tun der Architektur nie gut - ein kritischer Unterton also erklingt hier, aber ganz leise.

Im Mittelpunkt der in abgedunkelten Räumen dramatisierten Schau steht Mies' geheimnisvolles Werk, es sind Inkunabeln der Kunst- und Architekturgeschichte, für deren Entschlüsselung man Zeit, Sachverstand oder eine gute Führung benötigt. Dass Mies die Collage für sich entdeckte, ist der Zeit geschuldet. Dada, Konstruktivismus und De Stijl beeinflussten die Kreativen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr stark. Er griff die Techniken auf, unerwartete Blickwechsel, freie Perspektiven, eine Verschmelzung von Ort und Zeit und die Montage von außergewöhnlichen Materialien wie etwa hauchdünn geschnittenem Holzfurnier.

Die Ausstellung spannt den Bogen von einem Bismarck-Denkmal-Entwurf am Rhein (1910, nicht verwirklicht) über die Glashochhäuser (1922) bis hin zu späten Werken wie der Berliner Nationalgalerie. Mies bediente sich an Fotos, Zeichnungen, Furnierstücken und auch an den Bildern seiner Freunde, die er wie ein Patchwork-Element einfügt, manchmal um einige Grad gedreht.

Am Ende versteht man: Ein stilbildender Architekt muss im Herzen ein Künstler sein. Kreative wie Ludwig Mies van der Rohe haben die Nationalsozialisten mit Berufsverbot belegt. 1938 emigrierte der Steinmetzsohn aus Aachen in die USA, wo er bis zu seinem Tod lebte. Seine Bauten sind heute noch wegweisend - und diese Collagen jedenfalls ein interessanter Hintergrund.

Quelle: RP
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