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Salzburg
Becketts "Endspiel" als Schauspieler-Gala

Salzburg. In Salzburg ist das Theaterstück in großartiger Besetzung zu sehen. Thomas Adès' Oper "The Exterminating Angel" überzeugt nicht. Von Wolfram Goertz

Es ist vermutlich keine größere Entfernung zwischen zwei Filmen denkbar. Der eine stammt von 1959 und zeigt Heinz Rühmann als deutschen Kleinbürger, dem plötzlich übersinnliche Kräfte zufliegen: Er durchschreitet selbst dickste Mauern, als seien sie nicht vorhanden. So heißt der Film auch: "Ein Mann geht durch die Wand". Wenige Monate später drehte der Spanier Luis Buñuel den Film "Der Würgeengel", in dem eine versnobte Abendgesellschaft dank einer mysteriös-übersinnlichen Kraft das Haus nicht mehr verlassen kann, obwohl sämtliche Türen und Fenster offenstehen. Bei Rühmann tritt eine fidele Gelassenheit ein, bei Buñuel beschleicht die Leute Todesangst. Zu Recht, denn der Tod kommt bald über sie.

"El ángel exterminador" (so Buñuels Originaltitel) gilt als frühes Dokument des filmischen Surrealismus, und wer ihn je gesehen hat, der weiß, wie sich Klaustrophobie beim Betrachter anfühlt. Buñuels aufreizende Sachlichkeit erzeugt ein leise wirkendes Gift, und wenn am Ende alle vermeintlich befreit scheinen, ahnt man, dass ihnen in Wahrheit nicht mehr viel Zeit zum Leben bleibt; der Würgeengel hat von ihnen Besitz ergriffen. Jetzt ist der englische Komponist Thomas Adès seinem Abgott Buñuel gefolgt und hat den Film mit dem Librettisten Tom Cairns zur Oper "The Exterminating Angel" transformiert. Sie kam soeben in Salzburg zur Uraufführung, wobei beide ihr Zubrot noch mehrten: Der Komponist dirigierte, der Librettist inszenierte.

Beide stecken also brusttief in der Materie, sie sind gute alte Bekannte des Würgeengels, sie wissen, wie er klingt und wie er aussieht. Die Partitur ist überreich beladen und durchsiebt die Bühne (Sofa-Landschaft vor riesigem Tor) stets mit tönenden Geschossen. Adès zeigt, was er kann, und das ist viel; er bietet eine gleißende Versammlung von Parfüms, Torpedos und Kanonen, von Geflirr und Spaltklängen, etwa Piccoloflöte und Tuba im Duett. Die Musik des Würgeengels ist einem elektroakustischen Instrument namens Ondes Martenot vorbehalten, das wie eine mythologische Sirene heult und sirrt und pfeift.

Wir nehmen all dies staunend und ziemlich gleichmütig zur Kenntnis, weil dieses Stück überall hin dringt, nur nicht an unser Herz und unseren Sinn. Das hat damit zu tun, dass Adès aufhäuft, wo er entrümpeln müsste. Er ist mit einer ganzen Batterie von Sounds hinter dem Geheimnis her, statt es von sich aus walten zu lassen. Buñuel hatte die Angst durch das simpelste und wirkungsvollste Mittel geschürt: durch Stille - sein Film verzichtet weitestgehend auf Musik. Adès musste diese Lösung zwangsläufig verwerfen, obschon manche Pause dem Stück geholfen hätte. So tötet der Aktionismus in der Musik notgedrungen die Wucht des Panischen. Hier zeigt sich ein Handicap des Gattungstransfers: In der Oper verschlingen gesungene Dialoge deutlich mehr Zeit als im Theater oder im Film. Wo aber dauernd gesungen wird, ist Stille gelöscht.

So ist man nach zweieinhalb Stunden einigermaßen überrascht, dass man mit sehr ruhigem Herzschlag aus dem kleinen Festspielhaus eilt, nicht ohne zuvor den großartigen Solisten zugejubelt zu haben. Hier empfehlen sich vor allem Audrey Luna (Leticia) als Reiterin auf der sopranistischen Rasierklinge, John Tomlinson als abgeklärt-würdevoller Doktor Carlos Conde und Anne Sofie von Otter als hysterische Leonora Palma. Das ORF-Orchester nutzt die Gelegenheit, seine weitreichenden Kompetenzen zu demonstrieren. Das Publikum jubelt, denn Doktor Adès hat zwar gebohrt, aber es hat überhaupt nicht wehgetan.

Wenn in der Oper am Ende wie am Anfang die Glocken läuten, wissen die Leute, dass sie sich endgültig im Angesicht des Todes befinden. In Samuel Becketts Theaterstück "Endspiel" wissen sie es von Anfang an und geben sich keinen Illusionen hin. Sie sind sozusagen die Überlebenden der Arche Noah, denen die Tabletten und der Brei ausgegangen sind - nicht jedoch der jammervolle Zynismus, mit dem sich der blinde Hamm über Wasser hält. Sein Diener, der schwer rheumakranke Clov, kündigt alle zwei Minuten an, er werde Hamm, seinen Quälgeist, verlassen. Doch nichts passiert. Es ist das Requiem einer Schicksalsgemeinschaft.

Schon oft haben wir Becketts genialische Parabel über das Ende gesehen, sind den traurigen Helden und ihren Regisseuren auf allen Wegen in die Absurdität und die Moderne gefolgt, weswegen es eine lehrreiche Erfahrung ist, das Werk fast authentisch zu erleben. Im Salzburger Landestheater sind Großmeister unterwegs: Nicholas Ofczarek als Hamm und Michael Maertens als Clov (in den kleineren Rollen von Nell und Nagg sitzen Barbara Petritsch und Joachim Bissmeier in ihren Mülltonnen). Regisseur Dieter Dorn hat beiden die Freiheit gelassen, ihre Bühnenerfahrung auszuspielen. Sie ziehen denn auch alle Register der Bosheit und der Schmierage, sie wissen, wie man Lacher provoziert, aber selbstgefällig sind sie nicht, denn Beckett wollte genau dies: Heiterkeit im Wartezimmer des Endes. Alles spielt in einem emotionslosen, grauen Guckkasten (Jürgen Rose), dessen Fenster vernagelt sind und in dem ein Bilderrahmen ohne Inhalt hängt.

So ist der Anfang auch das Ende: Clov umkreist Hamm, der als blinder Despot mit Stoffpudel und Bootshaken in einem Herrschersessel sitzt, immerzu wie ein geschundener Engel mit guter Seele und steifen Beinen. Das geht über zweieinviertel Stunden so, aber nie wird es einem mit diesen beiden Strafgefangenen langweilig. Großes Theater. Gutes Altes verdirbt nie.

Quelle: RP
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