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Neuverfilmung von "Ben Hur"
Hollywood gehen die Pferde durch

Ben Hur: Film-Kritik zur Neuverfilmung 2016 von William Wylers
Die Neuauflage wirkt überladen und gefühllos. FOTO: dpa, skm
Düsseldorf. Der neue "Ben Hur" ist misslungen. Regisseur Timur Bekmambetow fleddert das Original und dampft es auf zwei Stunden ein. Von Stefan Stosch

Vor zwei Jahrzehnten tat US-Regisseur Gus Van Sant Seltsames: Er drehte ein beinahe identisches Remake von Alfred Hitchcocks Thriller "Psycho" von 1960. So sehr ähnelte sein Film dem Original, dass man nach Abweichungen mit der Lupe suchen musste. Und tatsächlich: Bei Van Sant floss mehr Blut in der Mordszene unter der Dusche! Die Zuschauer näherten sich dem Remake wie einem Bildersuchspiel: Finden Sie die Unterschiede zwischen Original und Fälschung. Als wenig ergiebiges Rendezvous mit Hitchcock wurde Van Sants Hommage abgehakt. Zumindest aber muss man sagen: Der Mann wusste den Meister zu würdigen.

Im heutigen Hollywood ist man beim Umgang mit glanzvoller Kinogeschichte weniger zimperlich. Der grassierende Fortsetzungswahn scheint auf Dauer wohl doch keine ergiebige Einnahmequelle zu garantieren. Also werden die Archive durchforstet. Ob "Dschungelbuch", "Independence Day", "Tarzan" oder auch "Die glorreichen Sieben" (Start: 22. September): Hollywood appelliert an nostalgische Gefühle.

Film-Review zu "Ben Hur": Reicht das Remake an den Klassiker ran?

Im Fall von "Ben Hur", der am Donnerstag ins Kino kommt, liegt nun ein besonders eklatanter Fall vor. William Wylers 222 Minuten langer Monumentalfilm von 1959 - der nach Fred Niblos Verfilmung aus dem Jahr 1925 die zweite Adaption des Romans von Lewis Wallace ist - gilt als cineastisches Monument, in dem der jüdische Prinz Ben Hur (damals gespielt von Charlton Heston) und sein Jugendfreund, der Römer Messala, als Zeitgenossen Jesu aufwachsen. Später trennen sich ihre Wege, Messalas Bruderliebe verwandelt sich in Hass. Er lässt Ben Hur als Galeerenruderer versklaven - bis die beiden beim berühmtesten Pferderennen der Kinohistorie wieder aufeinandertreffen.

Viel Tamtam, wenig Gefühl

Die Brillanz des tödlichen Duells, gemessen an den damaligen technischen Möglichkeiten, ließ die Zuschauer staunen - und ins Kino rennen: Der "New Yorker" veröffentlichte die exakten Minutenangaben, damit Zuschauer zur richtigen Zeit dort aufkreuzen konnten, ohne sich den ganzen Abend um die Ohren zu schlagen. Heute, im digitalen Kinozeitalter, ist technisch alles möglich - und daraus erwächst Allmachtswahn, der oft in Gleichmacherei endet. Wenig lässt sich im digitalen Überschwang noch wirklich fühlen, spüren, sinnlich erfahren. Da gehen Hollywood schnell die Gäule durch. Wie beim neuen "Ben Hur".

Kinostarts der Woche FOTO: Moviepilot

Das Wagenrennen? Man schluckt digitalen Manegensand, Streitwagen werden wie Bowlingkugeln durch die Arena katapultiert, das Duell gerät zum Turnwettbewerb. Natürlich behauptet Regisseur Timur Bekmambetow, die meisten Szenen seien so gedreht und nicht am Computer kreiert worden. Der Film entstand immerhin, wie auch das Original, in den römischen Cinecittà-Studios.

Das Wagenrennen ist symptomatisch: Hier wird ein Klassiker ausgeschlachtet. Dem Regisseur, bekannt durch Filme wie "Abraham Lincoln Vampirjäger", bastelt aus den Versatzstücken seinen Best-of-"Ben Hur". Er fleddert den Klassiker und schmilzt ihn auf zwei Kinostunden ein. Bei ihm gerät das Epos zu irgendeinem Abenteuerfilm, in dem ein Hippie-Jesus seine Menschenliebe bekundet und römische Soldaten wie amerikanische GIs in die Schlacht ziehen. Dazu mischt Bekmambetow Pferdeflüsterer-Anklänge und Sportfilm-Attitüde. Irgendwie wird's schon passen.

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Es passt aber nicht. Das Ganze ähnelt einer hölzernen, überteuerten Fernsehproduktion. Ein Star in der Titelrolle war für 100 Millionen Dollar allerdings nicht zu haben. Jack Huston ("Stolz und Vorurteil und Zombies") gibt Ben Hur, Toby Kebbell ("Zorn der Titanen") als Messala wirkt wie ein zu groß geratener Franck Ribéry und schlägt genauso fies zu. Einzig Morgan Freeman als weiser Scheich mit Rastalocken bringt Würde ins Geschehen.

Das heißt, eine Sequenz sticht dann doch hervor: ein Blick ins düstere Innere einer Galeere inmitten einer Seeschlacht. Spitze Bugs rammen sich ins Schiffsholz, brennendes Schwefel rinnt durch Plankenritzen, die Trommel des Anpeitschers dröhnt. Kameramann Oliver Wood konzentriert sich auf die klaustrophobische Enge: Wir nehmen den Kampf allein mit den Augen der römischen Sklaven wahr. Die Seeschlacht ist das Spannendste, was "Ben Hur" 2016 zu bieten hat.

Aber vielleicht sollte man diesen unbeholfenen Film lieber gleich wieder vergessen und sich noch mal William Wylers immer noch sehenswerte Version anschauen.

Quelle: RP
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