Theater in Ruinen: "Berlin Alexanderplatz" erstmals in der Hauptstadt
zuletzt aktualisiert: 14.06.2005 - 16:06Berlin (rpo). Kurz vor dem geplanten Abriss des Palastes der Republik in Berlins Mitte wird die entkernte Ruine Schauplatz eines ungewöhnlichen Theaterspektakels. Regisseur Frank Castorf zeigt hier ab Donnerstag das Bühnenstück "Berlin Alexanderplatz" nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929. Weitere Aufführungen sollen bis zum 5. Juli folgen.
Das Aus für den Palast der Republik scheint besiegelt: Im Herbst, so die jüngsten Vorhersagen, ist endgültig Schluss mit dem Bauwerk in Berlins Mitte. Gerade noch war das ehemalige Parlamentsgebäude der DDR ein wahrer Hexenkessel, als Ende Mai die halsbrecherischen Breakdancer dort ihre Schaukämpfe vorführten. Unter den Zuschauern: der ostdeutsche Stararchitekt Manfred Brasser, Erbauer des heute ungeliebten Palastes, der sich für dessen Erhalt stark macht. Zum großen Showdown setzt nun Frank Castorf an. Der Regisseur zeigt vier Jahre nach der Erstaufführung in Zürich seine Inszenierung von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" ganz stilecht im Baustellen-Milieu unweit des Alexanderplatzes.
"Berlin ist eine unpoetische, sehr wenig bunte, aber sehr wahre Stadt", analysierte schon Döblin. Sein berühmter Großstadtroman erschien 1929 und erzählt die Geschichte von Franz Biberkopf, der aus dem Zuchthaus kommend ein neues Leben versucht. Die Geschichte hat Castorf vor vier Jahren bereits in Zürich vorgestellt. Jetzt ist seine Inszenierung erstmals in Deutschland zu sehen. Aufgebaut wurde, ebenso wie in Zürich, eine mehr als 50 Meter breite Bühne, auf der unterschiedlich besiedelte Container stehen. "Fast jeder Zuschauer wird einen anderen Blickwinkel und Sehausschnitt haben und mal näher, mal ferner dran sein am Geschehen", sagte der Regisseur am Dienstag in Berlin.
"Zu DDR-Zeiten fand ich den Palast furchtbar und habe immer einen großen Bogen um ihn gemacht", sagte Castorf. Inzwischen halte er einen Erhalt des erst 30 Jahre alten Gebäudes für gut, um es als Spielstätte für Kultur zu nutzen. "Hier muss man kämpferische Kunst zeigen", sagte der Intendant der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. So entkernt wie es jetzt dastehe, habe das Gebäude einen ähnlichen Charme wie das Centre Pompidou in Paris.
Ständig weht ein ungemütlicher Wind über die räudige Mitte Berlins, den ewig unfertigen Alexanderplatz. Auf diesem prominenten Platz, einst Nabel der DDR, sammeln sich die gestrandeten Durchreisenden ebenso wie die einheimischen Aussteiger. Jedem urbanen Chic widersetzt sich dieser klaustrophobische Platz konsequent. Auch Städteplaner scheiterten bislang vor seiner architektonischen Beherrschbarkeit. Wie geschaffen also für Castorf, um aus "Berlin Alexanderplatz" kein Volksstück zu machen, sondern mit ihm den Sound der Metropolen nachzuspüren.
"Es war immer der kälteste Platz Berlins, es pfiff aus allen Ecken", sagte der 1951 in Berlin geborene Castorf. In dem Viertel um den Platz sei das Leben immer "gegen die Ordnung" gegangen. "Und das war die Selbstverständlichkeit einer großen Stadt. Heute geht es dort um Parkraumbewirtschaftung", sagte Castorf.
Bis zum 5. Juli sind sieben weitere Vorstellungen geplant. Die Aufführung dauert viereinhalb Stunden. Auf der Bühne stehen Max Hoff, Bibiana Beglau, Marc Hosemann, Alexander Scheer und andere.
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