Castorf-Inzenierung: "Berlin Alexanderplatz" ist Zuhause angekommen
zuletzt aktualisiert: 17.06.2005 - 12:01Berlin (rpo). Ein Auto fährt unter den Zuschauerrängen hindurch und durchbricht eine Bretterwand. Die Szene stammt nicht aus einer Stuntshow, sondern aus einer Inzenierung von Starregisseur Frank Castorf. "Berlin Aleaxandeplatz" heißt Alfred Döblins Roman, der am Donnerstagabend in Berlins Mitte aufgeführt wurde. Erzählt wird die Geschichte des Ex-Häftlings Franz Biberkopf, der sich gleich nach seiner Entlassung wieder in neue Abenteuer stürzt. Fünfeinhalb Stunden lang konnten die Besucher den Abstieg der Hauptfigur live miterleben.
So ganz neu war das nicht, was der Regisseur in seiner Heimat vorführte. Vor vier Jahren schon kämpfte sein Biberkopf im feinen Zürich gegen die Widrigkeiten des Lebens an. Erst jetzt, mit Unterstützung der Berliner Festspiele, konnte Biberkopf heimkommen nach Berlin. Mit der Palast-Ruine fand sich ein Aufführungsort, der wie geschaffen ist für die Geschichte um das triste Leben und Sterben der falschen Freunde Biberkopfs. Der Abend wurde vor allem dank großartiger Schauspieler, allen voran Bibiana Beglau und Alexander Scheer, zum großen Erfolg beim Premierenpublikum. Viel Applaus gab es auch für den notorisch mürrischen Castorf.
Die offenbar seit dem Untergang der DDR nicht mehr geputzte Glasfront des Gebäudes lässt einen Rest an Tageslicht in die Palast-Ruine. Dort hat Bert Neumann eine 50 Meter lange Bühne geschaffen aus Containern und einem kitschig beleuchteten, trostlosen Kiosk mit schäbigem Plastikmobiliar, der zum Treffpunkt der Gestrandeten am Alexanderplatz wird. Ähnlich sieht es nur wenige Meter entfernt, am realen Alex, tatsächlich aus. Auf den Bildschirmen in den Containern nimmt das Abendprogramm seinen Lauf. Es plaudern "Kaiser" Franz Beckenbauer und Paul Breitner, zu später Stunde sind nur noch nackte Damen, die gerne ihre Telefonnummer mitteilen möchten, zu sehen. Gegensprechanlagen lassen den Zuschauer fremdes Leben belauschen.
Über den wirklichen Alex weht ständig ein ungemütlicher Wind. Auf dem ewig unfertigen Platz, einst Nabel der DDR, sammeln sich die Durchreisenden ebenso wie die Aussteiger. Jedem urbanen Chic widersetzt sich dieser klaustrophobische Ort konsequent. Wie geschaffen also für Castorf, um aus dem 1929 erschienenen Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" kein Volksstück zu machen, sondern mit ihm und mit Hilfe von viel Musik (Rammstein, Nena, coolem Jazz) den Sound der Metropole nachzuspüren.
Biberkopf (Max Hopp) ist kein naiver Träumer, aber ein Hoffender. Zu viel hat er schon erlebt. Er saß im Zuchthaus, weil er seine Geliebte Ida in einem Wutanfall erschlagen hatte. Nach der Entlassung nimmt er sich vor, ein anständiges Leben zu führen. Doch weil der Franz den anderen Kumpels gegenüber "immer so dicke tun muss mit seiner Anständigkeit", verpassen sie ihm eine Abreibung und stürzen ihn aus dem Auto. Dabei verliert er seinen rechten Arm. Er fängt an zu trinken, lernt schließlich Mieze (Bibiana Beglau) kennen und wird ihr Lude, doch er erkennt nicht, was er an ihr hat und verliert immer mehr den Halt. Dann trifft er den Zuhälter Reinhold (Marc Hosemann). Diesem "Berliner Herz mit Schnauze" fehlt das Herz - genau wie seinen Kumpels Pums (Hendrik Arnst) und Herbert (Alexander Scheer) auch.
Reinhold gesteht Mieze, dass er Franz aus dem Auto gestoßen hat - und erwürgt sie. Aus Rache an Biberkopf, den er "von Profession Großschnauze" nennt? Ein Ausbrechen aus diesem Kleingangstermilieu ist nicht erwünscht, Konkurrenz und Neid auch unter Gescheiterten sind groß. Das muss Franz Biberkopf schmerzlich erfahren.
"Berlin Alexanderplatz"
16. Juni bis 5. Juli Palastrunine Berlin
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