Schauspiellegende wäre 100 geworden: Bernhard Minetti: Unsterbliche Vergänglichkeit
zuletzt aktualisiert: 26.01.2005 - 07:00Berlin (rpo). "Jahrhundertschauspieler", "Solitär", "Theaterverbesserer", "Glanzlicht deutscher Theaterkunst" nannten ihn die Kritiker. Immer neue Superlative erfanden sie für einen der herausragendsten Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Bernhard Minetti wurde bereits zu Lebzeiten so sehr zur Theaterlegende, dass eigentlich sein Name als Synonym für höchste Schauspielkunst genügte. Am Mittwoch wäre der 1998 in Berlin verstorbene Mime 100 Jahre alt geworden.
Gespielt hat er bis fast zuletzt, denn Theater, so sagte er selbst, war für ihn "leben - das Leben". Überlebt hat Minetti nicht nur in der Erinnerung und in vielen Zeugnissen seiner Kunst, sondern auch als dramatische Figur. Thomas Bernhard schrieb für ihn neben anderen Stücken ("Einfach kompliziert", "Der Schein trügt") auch das Drama "Minetti", das 1976 in der Regie von Claus Peymann und mit Minetti in der Hauptrolle in Stuttgart uraufgeführt wurde und von einem alten Schauspieler erzählt, der noch einmal den Lear spielen möchte.
Der echte Minetti, er galt unter anderem als der ideale Darsteller der Figuren von Beckett, Genet, Dürrenmatt oder Strindberg, erlebte im Alter noch einmal eine Hochphase seiner Karriere. Und 1985 erfüllte sich für ihn der Traum: Er spielte an der Berliner Schaubühne Shakespeares "König Lear" - nach Meinung der Kritiker in höchster Vollendung.
Minetti, 1905 geboren als Sohn eines Architekten in Kiel, gehörte nach kurzem Studium der Theaterwissenschaft und ersten, rollenreichen Gehversuchen in der Provinz von 1930-1945 unter Leopold Jessner und Gustaf Gründgens zum Ensemble des Preußischen Staatstheaters in Berlin. Er feierte dort bis zur Schließung im Jahr 1944 unter anderem als Hamlet, Franz Moor, Wallenstein, Macbeth, Faust und Robespierre Erfolge. Auch als Filmschauspieler reüssiert er in den 30er Jahren und war unter anderem in "Berlin-Alexanderplatz" und in "Der Mörder Dimitri Karamasow" zu sehen.
"König der Theaterkunst"
Nach Kriegsende war Minetti an verschiedenen westdeutschen Bühnen als Schauspieler und auch als Schauspieldirektor engagiert. Über diese Zeit sagte er: "Die deutsche Theaterlandschaft, die früher sehr auf Berlin konzentriert war, ordnete sich neu. Sie dezentralisierte sich. Viele Städte wollten ein Klein-Berlin werden." Trotzdem war Minetti bereits ab den 60er Jahren aber wieder häufig in Berlin zu sehen.
Nach der Schließung des Berliner Schiller-Theaters, gegen die er sich intensiv gewehrt hatte, unterschrieb der Künstler, den Peymann einmal den "König der Theaterkunst nannte", dann 1995 einen Vertrag beim damals von Heiner Müller geleiteten Berliner Ensemble. In Müllers letzter Inszenierung von Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" spielte er den Schauspiellehrer, der dem emporstrebenden Diktator Unterricht in Sprache, Mimik und Gestik erteilt.
Die Berliner Akademie der Künste ehrt Minetti derzeit anlässlich des 100. Geburtstags mit der Ausstellung "Nachspiel" (bis 13. März), die auf dem Nachlass basiert, den die Erben Minettis der Akademie überlassen haben. Sie zeigt neben Notizen, Briefen, Rollenbüchern, Fotos und Filmausschnitten Minetti auch außerhalb der Bühne. Da ist der Sammler bildender Kunst, der mit Emil Schuhmacher befreundet ist, und der Fußballfan, den eine lebenslange Freundschaft mit Sepp Herberger verbindet.
Minettis Schauspielrepertoire umfasste über 300 Rollen. "Die Figuren, die ich darstelle, die wir am Theater darstellen, leben - leben ein Leben vor dem Publikum, und diese Lust zu leben, ist meine Motivation", beschrieb der Jahrhundertkünstler einmal seine Arbeit, sein Leben, seine Rollen, mit denen er trotz der dem Theater ureigenen Vergänglichkeit unsterblich wurde.
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