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Düsseldorf
Bittere Revue eines Lebens

Düsseldorf. Am Düsseldorfer Schauspielhaus macht Bernadette Sonnenbichler aus Erich Kästners Roman "Fabian" eine sarkastische Nummernrevue. Und zeigt, wie eine Gesellschaft feiernd vor die Hunde geht. Von Dorothee Krings

Fabian tanzt. Er steppt und swingt sich durch sein Leben, besucht Bordelle, die sich als bürgerliche Clubs tarnen, und Ateliers, in denen Künstlerinnen die neue Freizügigkeit leben und mit ihren Körpern dafür zahlen. Fabian lässt sich treiben durch das verruchte Berlin der 1930er Jahre, während die Weltwirtschaftskrise immer mehr Menschen in die Armut treibt, die Arbeitslosigkeit wächst, die Rechtsradikalen an Einfluss gewinnen. Fabian sieht das alles, er erkennt die Gefahr, doch er ist ein kleiner Werbetexter in unsicherer Stellung. Was bleibt ihm übrig, als dem Schlagzeug zu folgen, das seitlich auf der Bühne steht und cool den Takt vorgibt für die Revue seines Lebens?

Anfang der 1930er Jahre schrieb Erich Kästner nicht nur seine berühmten Kinderbücher wie "Emil und die Detektive", sondern auch einen Roman für Erwachsene: "Fabian", die Geschichte eines jungen Mannes in Berlin, der mit krankem Herzen und reichlich Melancholie aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt ist. Als promovierter Germanist schlägt er sich so durch, ist Beobachter seiner selbst - und einer Zeit, die wie bewusstlos auf den Abgrund zutorkelt.

Erst als er sich ernsthaft verliebt, scheint es Fabian plötzlich möglich, Halt im sinnlosen Treiben zu finden. Doch schon verliert er seinen Job, in Folge auch das geliebte Fräulein. Zynismus kriecht in Fabians Leben, irgendwann auch nackte Verzweiflung.

Bernadette Sonnenbichler inszeniert diese "Geschichte eines Moralisten" anfangs auf einer langgestreckten Showbühne, in einem von Glühbirnen umkränzten hellen Kasten. Dessen Rückwand besteht aus Schiebetüren, die beizeiten den Blick freigeben auf Szenerien des Berliner Nachtlebens. So bleibt das Treiben der Bohème für den Zuschauer wie für Fabian ein Film, der im Hintergrund abläuft. Fabian nimmt zwar teil, aber keinen Anteil am Geschehen. Er weiß nicht, wohin das alles führen soll.

Menschen treten auf und ab, alle mit eigenen Macken und verzerrten Gesten ausgestattet. Und André Kaczmarczyk in der Titelrolle betrachtet sie mit diesem traurig-ironischen Lächeln im Gesicht; er sieht den Untergang kommen und tänzelt einfach weiter.

Diese Revue der schrägen Figuren führt mit hübschem Sarkasmus ins Berliner Milljöh, wird aber irgendwann eintönig. Doch da beginnt Sonnenbichler auch schon mit der Dekonstruktion ihres Bühnenbildes. Erst gönnt sie Fabian noch einen kurzen Ausbruch aus dem Revuekasten. Er lernt das Fräulein Battenberg kennen, etwas blass gespielt von Judith Bohle, und turtelt mit ihr auf dem Dach der Showbühne. Doch die Begegnung der beiden bleibt eine schnelle sentimentale Nummer. Die Verhältnisse schlagen zu. Fabian muss sich arbeitslos melden, sein bester Freund nimmt sich das Leben, irgendwann will er nur noch heim zur Mutter, einer herzensguten Frau, die dem Sohn von ihrem bisschen Geld Krawatten kauft und spürt, dass dessen Welt auseinanderfällt.

Und so lüftet Sonnenbichler bald die Wände der Showkastenbühne, lässt Arbeitslose aus dem Untergrund aufmarschieren, stößt Fabian in eine immer kargere Umgebung, in der es einsam um ihn wird.

André Kaczmarczyk ist ein verzweifelt-komödiantischer Fabian, ein Berliner Charlie Chaplin, der die Dinge leicht nehmen will und schwer daran trägt. Sein Spiel berührt. Dazu gibt Michaela Steiger mit ironischem Pathos die besorgte Mutter mit Kummerblick, Cathleen Baumann, Torben Kessler und der Rest des Ensembles spielen sich mit viel Witz und Lust an der Überzeichnung durch die zahlreichen Nebenfiguren. Das starke Ensemble entwickelt so das Tableau einer Gesellschaft, die sich aus Ohnmacht zu Tode amüsiert.

Sonnenbichler und ihre Dramaturgin Janine Ortiz haben den Episodenroman Kästners in eine stimmige Bühnenhandlung mit klarem Spannungsbogen verwandelt. Doch am Ende muss viel Lichttechnik und vor allem der volle Einsatz des Bühnenschlagzeugers Nico Stallmann das Geschehen ins Tragische treiben. Auf einmal vertraut Sonnenbichler nicht mehr auf die Kraft ihrer Darsteller, sondern entfesselt ein Bühnengewitter, in dem das bitter lakonische Ende des Romans läppisch untergeht. Die Berliner Bohème ließ sich genüsslich persiflieren, doch mit der zweiten Hälfte des Romans, mit Fabians Gang vor die Hunde, kann die Regie weniger anfangen. Da muss das Schlagzeug hervortrommeln, was man lieber von den Schauspielern gesehen hätte.

Seine Wirkung verfehlt das indes nicht. Mit "Fabian" blickt das Schauspielhaus auf die bedrohliche Zeit, kurz bevor Deutschland Krieg über die Welt brachte; und mancher Satz des Fabian klingt erschreckend aktuell. Kästner schrieb seinen Roman im Ton des Moralisten, der warnen und entlarven will und insgeheim doch weiß, wie schwer es die Vernunft hat, ist der Hass erst einmal entfesselt. Sonnenbichler bringt das als sarkastische Revue auf die Bühne, als Tänzelei - harmlos ist sie nicht.

Quelle: RP
 
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