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100 Jahre
Bonn feiert das Bauhaus

Bonn. Man sollte mal das Internet updaten, damit beim Googeln von "Bauhaus" nicht an den ersten 20 Positionen das gleichnamige Einkaufsparadies für Handwerkerbedarf erscheint. Denn in drei Jahren wird das wahre einzige Bauhaus 100, und es gibt noch viel zu entdecken bei seinen Meistern wie Oskar Schlemmer, Marcel Breuer, Wassily Kandinsky, Mies van der Rohe, Marianne Brandt oder Mart Stam. Von Annette Bosetti

Ihr eigenes Update zeigt jetzt die Bundeskunsthalle in Bonn unter der These: "Das Bauhaus. Alles ist Design". Eine Vielzahl von Exponaten aus Architektur, Kunst, Film, Typografie und Fotografie ist dicht miteinander inszeniert. Aber man hat beinahe zu viele Dinge auf zu engem Raum arrangiert, so dass der Besucher oft nicht weiß, wohin er schauen soll. Zu den historischen Stücken wurden aktuelle künstlerische Arbeiten gestellt, darunter eine im Eingang hängende Deckenarbeit, in der der Künstler Olaf Nicolai ein Camouflage-Motiv von Oskar Schlemmer auf flatterndem Stoff fortführt.

Leider, das muss man sagen, ist das Update ein verkrampfter Zeitsprung, der sich nicht erschließt.

In Kooperation mit dem Vitra-Museum, wo die Ausstellung zuerst zu sehen war, ist es dennoch gelungen, einmalige Schaustücke wie etwa die Wagenfeld-Lampe in beiden Ausführungen zu zeigen, die als die Bauhaus-Lampe berühmt geworden ist. Oder den legendären Wassily-Chair von Bauhaus-Meister Marcel Breuer, den er seinem Kollegen, dem berühmten Maler Kandinsky, widmete. Dieser eher unbequeme, aber formschöne Sessel gilt bis heute wegen der Verwendung von gebogenem Stahlrohr als die einflussreichste Innovation im Möbeldesign des 20. Jahrhunderts.

Der Wassily-Chair (Model B 3) ist das meistkopierte Möbelstück überhaupt und, falls er echt aus der Zeit sein sollte, nahezu unbezahlbar. Als Kopie mit Kunstleder oder Stoff ist er für ein paar 100 Euro zu haben, als patentierter Nachbau kostet er - je nach Ausführung - ab 2000 Euro. Am Beispiel dieses erfolgreichen Sessels erkennt man das Prinzip, das ab 1923 für das Bauhaus zu einer zentralen, auch merkantil interessanten Programmatik wurde: die technisch beliebige Reproduzierbarkeit.

Rechteckig, verchromt, schwarzes Leder - auf diese einfache Formel lässt sich das Bauhaus nicht reduzieren. Aufräumen mit diesem Klischee will die Schau, indem sie den gedanklichen Überbau, den Kontext der Zeit und die Vielfalt von Ideen und Prototypen zeigt. Lehrer hießen Meister am Bauhaus und die Schüler Lehrlinge oder Gesellen. Mit solchen Setzungen strebte man die Abkehr vom Akademismus des 19. Jahrhunderts an. Das Fach Architektur wurde lebensnah in "Bauen" umbenannt und ausgerichtet. Bauhaus-Häuser gelten bis heute als formschön. Sie sind Kult.

Zeichnungen, Entwürfe oder Schriftstücke in der Original-Bauhausschrift mit Kleinschreibung geben Einblick in diese Gedankenwelt. Die Experimentierfreude in den Werkstätten war enorm, man arbeitete zusammen in Töpferei, Metallwerkstatt, Tischlerei, Buchbinderei und Weberei. Fast all diese Gebiete versuchen die Ausstellungsmacher mit Produkten oder Dokumentationen lebendig werden zu lassen. Eine Lese-Herausforderung für Kulturbeflissene ist das, weniger Augenfreude auf den ersten Blick.

Woher hatten die Meister am Bauhaus die Kraft, die Inspiration und den Willen zur Veränderung des ganzen Lebens? Es war in der Aufbruchsstimmung des Jahres 1918, als diese einflussreichste Kunst- und Gestaltungshochschule des 20. Jahrhunderts von Walter Gropius in Weimar gegründet wurde, um die Desillusionierung und den Schrecken des Ersten Weltkrieges zu überwinden, aber auch um die alte Zeit mit Schnörkeln und Gediegenheit auszuwischen.

Das Bauhaus steht für den Zusammenschluss von Kunst und Handwerk unter dem Primat der Architektur. Und es zeugt vom beherzten Aufbruch in die Industriegesellschaft mit ihren Hochleistungsmaschinen und beschleunigten Verkehrswegen. Bauhaus ist kein Stil, sondern eine Lebensvorstellung, die einer neuen Art zu denken entsprang. Man hoffte, mit der klaren Formgebung aller Lebensbereiche eine sozialere Gesellschaft schaffen zu können. Dem zugrunde lag der Glaube an die Macht der Gestaltung. Ein Bauhaus-Prinzip war das schon Ende des 19. Jahrhunderts in den USA aufgestellte Postulat "form follows function" ("Form folgt der Funktion"). Die Bauhäusler legten es noch strenger aus, forderten eine Welt ganz ohne Ornamente. Und in einer Zeit, in der "Design" noch nicht im deutschen Sprachschatz war, führten sie vor, dass es sich aus einer Haltung ableitet, eine Mischung aus Ethik und Ästhetik ist.

Das Gedankengut, die Kunst und die Objekte konnten den Nationalsozialisten nicht gefallen. Sie schlossen das Bauhaus 1933 und vertrieben seine visionären Meister.

Quelle: RP
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