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Botho Strauß zieht sich zurück

Der Autor schreibt mit "Oniritti Höhlenbilder" sein großes Welttheater fort. Von Welf Grombacher

Der Einzelne im Kierkegaardschen Sinn, so schrieb Botho Strauß schon vor zehn Jahren in seiner Bewusstseinsnovelle "Die Unbeholfenen", habe keine Zukunft in dieser "Pandemie des Schwachsinns". Lediglich die Intelligenz des Schwarms besitze eine Chance. Nun hat Strauß, der selbst gern von sich sagt, er sei ein "nicht ausübender Gesellschaftsmensch", aber so seine Schwierigkeiten mit der Masse. Das mag ein Grund sein, warum er als Dramatiker immer weniger für die Bühne schreibt. "Das Theater hat mich inzwischen hinter sich gelassen", sagt er, der mit dem modernen Regietheater nichts anfangen kann: "Eine Inszenierung ist gegenwärtig oft nur ein privatpsychopathisches Unternehmen, das maßgeblich von Illiteraten bestimmt wird", so Strauß. Was also tun?

Ganz einfach: Er zieht sich in sich selbst zurück und wird in seinem neuen Buch "Oniritti Höhlenbilder" selbst zur Bühne. Der Titel leitet sich vom griechischen "oneiros" für "Traumgesicht" ab, stellt Strauß gleich zu Beginn klar, "Oniritti also wären, verschränkt mit Graffiti, Bildschriften auf der Höhlenwand der Nacht". Während Nietzsche seinen Zarathustra ins Gebirge schickte, treibt es Botho Strauß hinab in die Höhlen. Doch Achtung: "Die geheimen Grotten wird nur jemand entdecken, der sich zuvor einen Pfad bahnt durch den beinah undurchdringlichen Dschungel leichtsinniger Kunst."

Da ist er also wieder, dieser wütende Intellektuelle, der um sich herum nur Kulturverlust wahrnimmt. Erst vor einem Jahr prophezeite er angesichts der Flüchtlingskrise in seiner Glosse "Der letzte Deutsche" das Ende der europäischen Geistesgeschichte und erntete dafür wie schon 1993 für seinen "Anschwellenden Bocksgesang" böse Kritik. Zu Unrecht. Als geistiger Brandstifter lässt sich dieser Schriftsteller wohl kaum vereinnahmen. Dafür ist sein literarischer Kosmos zu komplex, seine Sprache viel zu dicht. Natürlich kriegt auch das digitale Zeitalter mit all seinen Simulationen im neuen Buch wieder sein Fett weg, "diese unabsehbare Flucht mit wandlosen Wandelgängen, helllichtes elektronisches Grabgewölbe, in der uns alles unfassbar wird, was wir einmal am Arm fassten, küssten, schmeckten, rochen, von uns stießen."

Also besser in sich gehen. Auch, wenn's schwerfällt. "Oh diese Gefangenschaft, in sich hineinzuhören! Sein eigen Blut tropfen zu hören von den Stalaktiten der kalten Leibeshöhle", heißt es, bevor Strauß dann in kurzen Szenen sein großes Welttheater fortschreibt, wie es die Leser seit "Paare, Passanten" (1981) kennen. "Bin mir selbst 'ne volle Bühne", steht als Motto über den kurzen Szenen, die weniger Erzählungen sind als vielmehr Stimmungen und Metaphern, die es zu entschlüsseln gilt. Mal real, mal surreal wie im Traum. Entweder aus der Gegenwart gegriffen, oder ganz archaisch auf uralte Mythen anspielend. Bezüge zu Homer und Francesco Colonna tun sich ebenso auf wie Verweise auf Rilke und Dante. Wissende werden viel entdecken in diesen klugen Miniaturen. Alle anderen werden sich im Dunkel des Höhlengewirrs verirren.

Vom Mann, der durch sein eigenes Ohr verschwindet, als habe er sich nach innen gestülpt, ist da zu lesen. Oder vom alten Bildhauer, der ein Liebespaar beim Akt in Stein bannen will. Aus jeder dieser kurzen Szenen ließe sich ein ganzes Theaterstück machen. Wie in Platons Höhlengleichnis werfen die Figuren einen Schatten an die Wand und warten auf ihre Befreiung durch den Leser.

Quelle: RP
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