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Brutal wahrhaftige Kriegssatire

In dem großartigen Film "A Perfect Day" muss eine Leiche aus einem Brunnen geborgen werden. Allein: Es fehlt ein Seil. Von Renée Wieder

Die tote Kuh liegt mitten auf der Straße. Schon eine ganze Weile ist sie da, schön sieht das nicht aus und riecht wohl auch nicht gut. Aber das ist nicht der Grund, warum die Handvoll Menschen in den zwei Jeeps über Funk Hilfe anfordern und dann wie gelähmt vor dem Kadaver verharren, stundenlang, die ganze Nacht über. Das Tier ist vermint, glaubt Logistik-Spezialist B (Tim Robbins). Der Sprengstoff kann überall sein. Links oder rechts am Schotterweg verbuddelt, in der Kuh oder sogar unten drunter. Man könne ja einfach russisch Roulette spielen und Gas geben, schlägt B vor, er meint es nur halb als Witz. Es ist der Alltag internationaler Hilfsarbeiter irgendwo auf dem Balkan, vielleicht Bosnien um 1995, wo nichts perfekt ist und es an allem fehlt. Ein täglicher Kampf um das Leben anderer, ein stündliches Glücksspiel mit dem eigenen.

Dass "A Perfect Day", die erste englischsprachige Regiearbeit des Spaniers Fernando Léon de Aranoa ("Princesas"), vergangenes Jahr in Cannes minutenlang Standing Ovations bekam zeigt, wie sehr der Film in Europa einen Nerv trifft. Mitten in den Diskussionen über Flüchtlingswellen und Einsätze in Krisengebieten behauptet eine prominent besetzte Kriegssatire, dass Hilfe vor Ort oft auch nicht viel mehr bringt als Beistand aus der Ferne. Denn das Team um Mambrú (Benicio del Toro) steckt mittendrin, und es steckt fest. Weil es sich so sehr abmüht und doch so wenig ausrichtet.

Das eigentliche Problem ist gar nicht die Kuh. Eine dicke Männerleiche muss innerhalb von 24 Stunden aus einem engen Dorfbrunnen hochgehievt werden, bevor sie das Trinkwasser der gesamten Gegend verseucht. Dafür braucht das Team ein Seil. Kann nicht so schwer sein, eins aufzutreiben, denkt man, aber die Aufgabe fordert von Mambrú und B taktische und diplomatische Höchstleistungen, die sich über den ganzen Tag ziehen. Von feindseligen Dörflern wird Mambrú in einem Laden abgewiesen, man brauche die Seile, "um daran Leute aufzuknüpfen". Ein einsamer Bauer weigert sich, sein Fahnenseil herauszugeben, die Begründung dem Übersetzer gegenüber leuchtet sofort ein: "Wenn Seil weg und Fahne unten, dann ich tot!" Die UN-Blauhelme schauen gelegentlich vorbei, dürfen nicht helfen und stehen im Weg herum. So kriechen die zwei Jeeps kreuz und quer übers staubige Land, aus der Vogelperspektive gefilmt wie sinnlos wimmelnde Insekten. Deprimierend wäre das, würde De Aranoa den Plot nicht konsequent mit schwarzem Humor auskleiden. Sein Witz ist zynisch, die Pointen brachial, nicht jeder Film verträgt running gags über explodierende Rinder und Wasserleichen. Dieser schon.

Unbeschwert, manchmal chaotisch vermischt De Aranoa die Genres. Roadmovie mit Buddykomödie, Kriegsfilm mit Sozialsatire, sogar ein ziemlich überflüssiges Liebesdrama ist drin. So was funktioniert nur mit Schauspielern wie Benicio Del Toro, die wissen, wie man einen Film nur mit den Augen zusammenhält. Sein Veteran Mambrú ist ein resignierter Nuschler mit müdem Blick. Einer, der zu viel Schlimmes gesehen hat und nur noch hier ist, weil daheim nichts als eine scheiternde Beziehung auf ihn wartet. Tim Robbins reißt die Witze, wenn es mal wieder gefährlich wird, es sind Abwehrraketen eines seelisch Wundgeriebenen. Beide Männer sind längst zu abgestumpft, um in ihr altes Leben zurückzukehren. Beide haben einmal als Weltverbesserer angefangen, jetzt finden sie es schwer genug, das eigene Mitgefühl über die Runden zu retten. Neben den zwei ambivalenten Männern wirken die Frauen des Films fast eindimensional: Konfliktanalystin und Mambrú-Ex-Affäre Katya (Ola Kurylenko) sieht den ganzen Film über aus wie ein russisches Model, das nach der Londoner Fashion Week den falschen Flieger genommen hat. Und Sophie (Mélanie Thierry) scheint als idealistische, immer zu einer Diskussion bereite neue Rekrutin nur dazu da, das Team aufzuhalten.

Natürlich steht hinter all den Absurditäten des einen Tages die Würdigung von Kriegshelden, die sonst unsichtbar bleiben, jene, die für andere eintreten und nicht für sich selbst. So brutal abgeklärt "A Perfect Day" sich an manchen Stellen gibt, so sehr lässt er einen wünschen, dass Mambrú und B endlich an ein Seil kommen. Tatsächlich ergattern sie es, in einer Szene, so tieftraurig und grotesk, dass man für einen Moment selbst mitten drinsteckt. Im Krieg.

Quelle: RP
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