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Interview mit Kerstin Gier
Abonniert auf Bestseller

Interview mit Kerstin Gier: Abonniert auf Bestseller
Autorin Kerstin Gier. FOTO: red
Köln. Was sie anpackt, wird in aller Regel zum Bestseller: Kerstin Gier steht für unterhaltsame, humorvolle und fantasievolle Bücher. Ihre eigene Pubertät sei ihr in so lebendiger Erinnerung, dass sie sich gut in Jugendliche hineinversetzen könne, sagt die Autorin. Von Leslie Brook

Schreibblockaden scheint Kerstin Gier nicht zu kennen. In ihrem Haus in Kürten im Rheinisch-Bergischen Kreis arbeitet sie tagsüber am liebsten ohne Unterbrechung an ihren Büchern. Dann wird die 50-Jährige nur ungern gestört. Ihre ersten Bücher hat Kerstin Gier unter Pseudonymen wie Jule Brand veröffentlicht, inzwischen ist ihr eigener Name sowohl aus in der Frauenliteratur als aus dem Fantasybereich nicht mehr wegzudenken. Mit der so genannten Edelstein-Trilogie schaffte sie endgültig den Durchbruch. Eines ihrer Bucher, "Für jede Lösung ein Problem", wurde fürs ZDF-Herzkino (morgen, 20.15 Uhr) verfilmt.

Sie stehen Verfilmungen Ihrer Romanstoffe eher kritisch gegenüber, heißt es. Die aktuelle Verfilmung sei in Ihren Augen aber gelungen. Was gefällt Ihnen daran?

Kerstin Gier Grundsätzlich kann man mich schon richtig glücklich machen, wenn ich im Film wenigstens einen Großteil der Handlung, die Grundaussage und den Humor meines Romans wiederfinden kann, und das ist bei "Für jede Lösung ein Problem" der Fall. Klar, es fehlen aus zeitlichen Gründen auch hier jede Menge Nebenfiguren und Handlungsstränge, aber Katharina Wackernagel ist eine zauberhafte, lebensmüde Gerri, und Janek Rieke spielt den etwas unbeholfenen Adrian absolut perfekt.

Schon als Zuschauer hat man es mitunter schwer, wenn man zunächst ein Buch liest, sich mit den Figuren identifiziert und sie dann ganz anders auf der Leinwand präsentiert sieht, als man sie sich vorgestellt hat. Wie gehen Sie damit um?

Gier Ich habe, ehrlich gesagt, das Gefühl, die Leser sind mit den Verfilmungen manchmal sehr viel strenger als ich. (lacht) Da stört oft schon, dass die Schauspieler nicht genauso aussehen wie die Figuren, die ich im Buch beschrieben habe. Und sie vermissen die Nebenfiguren, die für den Film aus der Handlung gestrichen werden, oft noch schmerzlicher. Ich kann Film und Buch ganz gut trennen - das Buch verschwindet ja nicht, nur weil es verfilmt wurde. Ich mag nur nicht, wenn völlig überflüssige Änderungen an meinen Figuren und der Handlung vorgenommen werden.

Welche Mitsprache haben Sie bei Filmprojekten? Und würden Sie auch gerne das Drehbuch schreiben?

Gier Stellen Sie sich an dieser Stelle doch einfach einen tiefen Seufzer vor. Und nein, ich würde nicht gern das Drehbuch schreiben, ich bin Romanautorin. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es irgendwann mal die absolut perfekte Verfilmung eines meiner Bücher geben wird.

In Ihrem Buch geht es um Frauen Mitte 30, die unter dem Druck stehen, Kinder zu bekommen und Erwartungen zu erfüllen. Wie, glauben Sie, haben sich die Anforderungen im Vergleich zu früher verändert?

Gier Zu früher? Verglichen mit den Fünfzigern ist es auf jeden Fall deutlich entspannter geworden. Erfolg im Beruf zu haben, einen perfekten Partner fürs Leben zu finden, eine Familie zu gründen - das kann man sich natürlich alles als Lebensziele setzen und sich daher mit Mitte 30 unter Druck gesetzt fühlen, aber eigentlich muss man es ja nicht. Blöde Bemerkungen von Onkel Otto wie "Na, wann kommst du denn endlich unter die Haube, altes Mädchen?" kann man mit einem Achselzucken abtun. Es sei denn, Onkel Otto hätte was zu vererben. Dann sollte man ihm unbedingt noch ein Stückchen Kuchen auf den Teller legen.

Das zweite Thema ist Freundschaft - nicht nur in diesem Buch, sondern in fast jedem Ihrer Romane. Was macht eine gute Freundin aus?

Gier Jeder Mensch braucht Menschen um sich herum, von denen er so geliebt wird, wie er ist. Menschen, die bedingungslos zu einem stehen, so wie Charly zu Gerri. In guten Zeiten befreundet zu sein, ist leicht, richtige Freundschaft zeigt sich vor allem in den schlechten Zeiten.

Die Hauptfigur versucht, sich umzubringen, doch ihr Vorhaben scheitert. Ihre Abschiedsbriefe werden trotzdem an ihre Angehörigen geschickt - mit üblen Folgen. Wem würden Sie gerne einen ehrlichen "Abschiedsbrief" schreiben, und was würde darin stehen?

Gier Ich habe das damals aus Recherchegründen versucht (natürlich nicht abgeschickt!) und gemerkt, dass ich vor allem das Bedürfnis hatte, etwas Positives zu schreiben. Über Dankbarkeit und Liebe anstatt mir den Groll und Frust und Kummer von der Seele schreiben, den andere einem bereitet haben. Aber aus dramaturgischen Gründen sind die negativen und unbequemen Wahrheiten natürlich viel interessanter. Weshalb ich sie im Roman in den Vordergrund gestellt habe. Mit Gerri sind die Leute aber auch immer besonders respektlos umgegangen, da gab es viel aufzuarbeiten.

Was halten Sie von Facebook oder WhatsApp - oder schreiben Sie lieber Briefe und Postkarten?

Gier Die modernen Medien sind schon sehr praktisch, aber ich liebe es, so ganz altmodische Briefe zu bekommen. Also schreibe ich auch ab und an noch welche.

Wie viel Biografisches fließt von Ihnen in die Bücher ein? In diesem Fall ist die Hauptperson ja auch Autorin (wenn auch zunächst von Groschenromanen). Doch dann entdeckt sie den Fantasy-Bereich für sich...

Gier Den hatte ich aber damals noch gar nicht für mich entdeckt (lacht). Allerdings teile ich durchaus Gerris melancholischen Charakter.

Häufig spielen Ihre Geschichten in England, und Ihre Figuren tragen englische Namen. Woher kommt Ihre Liebe zu England?

Gier England ist einfach ein sehr schönes Land, und London eine tolle Stadt, und ich mag die Engländer. Sie sind so höflich und humorvoll.

Wie und wo schreiben Sie am liebsten?

Gier Ich schreibe am liebsten zu Hause, ohne Unterbrechungen (außer zu den Mahlzeiten). Ich bin immer neidisch auf alle Kollegen, die ihre besten Szenen im Zug, im Café oder im Hotelzimmer schreiben.

Wie lange arbeiten Sie an einem Fantasy-Roman?

Gier An "Wolkenschloss", das im Oktober erscheinen wird, schreibe ich nun schon über ein Jahr, und es ist immer noch nicht fertig. Früher war ich viel schneller.

Viele Fans warten auf Fortsetzungen Ihrer Romane - können Sie verraten, wie es mit "Silber" weitergeht?

Gier Silber ist eine Trilogie und bereits abgeschlossen. Aber vielleicht gibt es noch mal ein Wiedersehen mit Liv Silbers abenteuerlustiger kleiner Schwester Mia.

Arbeiten Sie an einer neuen Reihe?

Gier "Wolkenschloss" ist ein Einzelband. Es spielt in einem Luxushotel in den Schweizer Alpen.

Wie schaffen Sie es, sich in die Perspektive eines Jugendlichen zu versetzen?

Gier Oh, das fällt mir verblüffenderweise leichter, als mich in eine Mittzwanzigerin zu versetzen. Irgendwie ist mir meine Pubertät besser in Erinnerung geblieben. Manchmal fast zu gut.

Welche Bücher haben Sie in Ihrer eigenen Jugend verschlungen?

Gier Ich habe die Bücher von Astrid Lindgren und Erich Kästner geliebt, "Momo" und die "Unendliche Geschichte" von Michael Ende und "Krabat" von Otfried Preußler mochte ich sehr, und mein absolutes Lieblingsbuch war "Timm Thaler oder das verkaufte Lachen" von James Krüss. Da fand ich die Verfilmung auch ganz, ganz entsetzlich, weil sie Lichtjahre von der Buchvorlage entfernt war.

Das Gespräch führte Leslie Brook.

Quelle: RP
 
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