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Hitlers "Mein Kampf"
Die Legende vom ungelesenen Bestseller

Adolf Hitlers "Mein Kampf": Die Legende vom ungelesenen Bestseller
1925 wurde der erste Band von "Mein Kampf" erstmals veröffentlicht. FOTO: dpa, mbk kde shp
Berlin. Anfang 2016 ist es soweit: Das wohl umstrittenste Buch der deutschen Geschichte, Hitlers "Mein Kampf", kommt wieder auf den Markt - in einer kommentierten, wissenschaftlichen Ausgabe.

70 Jahre war die NS-Kampfschrift aus den deutschen Buchläden verbannt. Nun aber fiel das Urheberrecht, das bislang der Freistaat Bayern innehatte. Das jahrzehntelange Verbot habe das Buch erst recht zu einem Mythos gemacht, findet der Journalist Sven Felix Kellerhoff, der sich intensiv mit der Geschichte von "Mein Kampf" auseinandergesetzt hat.

"Verbote machen attraktiv", kritisiert er, und Legenden entstünden "glänzend auf dem Nährboden der Unwissenheit". Mit einigen Legenden räumt er in seinem Sachbuch "Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches" nun auf. Kellerhoff bietet so viele Informationen wie nur möglich über das geheimnisumwitterte Machwerk: Natürlich über den rassistischen und menschenverachtenden Inhalt, aber auch über die Entstehung des Buchs während Hitlers Haft in Landsberg und über die Quellen, die er benutzte, jedoch meist unterschlug. Nicht zuletzt beschäftigt sich Kellerhoff mit der Rezeption und dem Verkaufserfolg der Hetzschrift.

Fast vergessene "Hitler-Skandale" FOTO: AP

Um es gleich vorweg zu sagen: Ein "ungelesener Bestseller", wie vielfach behauptet, war "Mein Kampf" nicht. Mit Millionen Exemplaren allein in Deutschland war der zweibändige, rund 800 Seiten starke Wälzer tatsächlich ein Verkaufsschlager. Doch es stimmt nicht, dass er in vielen Wohnzimmerregalen nur vor sich hin staubte. Es lasen das Buch wesentlich mehr Deutsche als vermutet.

Kellerhoff zitiert aus zwei repräsentativen Umfragen der amerikanischen Militärregierung direkt nach dem Krieg. Danach hatte etwa jeder fünfte Deutsche "Mein Kampf" teilweise oder sogar ganz gelesen. Wenigstens zwölf Millionen Deutsche kannten "Hitlers Buch aus eigener Anschauung und mehr als nur oberflächlich".

Seltsames über Adolf Hitler FOTO: ddp

Dabei war der Erfolg anfangs eher bescheiden. Hitlers Kalkül, sich mit den Tantiemen von "Mein Kampf" finanziell zu sanieren, schien zunächst nicht aufzugehen. In den ersten vier Jahren wurden ganze 23.000 Exemplare verkauft. Die Absatzzahlen wurden erst besser, als eine preisgünstige "Volksausgabe" auf den Markt kam, und natürlich mit den rasanten Wahlerfolgen der NSDAP ab 1930.

Als die Nationalsozialisten drei Jahre später an die Macht kamen, stiegen die Verkäufe von "Mein Kampf" noch stärker an als die Mitgliederzahl der Partei. Im Oktober 1933 wurde das millionste Exemplar ausgeliefert. Finanziell wurde das Ganze für Hitler damit doch noch zu einem einträglichen Geschäft. Mit der Steuerehrlichkeit hielt er es allerdings nicht allzu genau.

So machte er exorbitante und ungerechtfertigte Werbungskosten geltend. Von den über 1,2 Millionen Reichsmark, die Hitler 1933 mit "Mein Kampf" verdiente, setzte er die Hälfte als Werbungskosten ab. Man ließ es ihm durchgehen. Ab 1935 verschwand der "Führer" und Reichskanzler dann ganz aus dem Blick der Finanzverwaltung. Die Tantiemen gingen nun umgehend und ganz ohne Abzüge auf sein Privatkonto.

Das ist das Geburtshaus von Adolf Hitler in Braunau FOTO: dpa, axs vfd

Über die eklatanten sprachlichen Mängel von "Mein Kampf" - die falschen Bilder, die grammatikalischen Schnitzer, das schmalzige Pathos - ist schon viel gelästert worden. Und auch Kellerhoff hält das Werk für "intellektuell minderwertig" und eine "wirklich harte Lektüre". Doch trotz dieser Defizite wurde "Mein Kampf" ein Erfolg.

Warum? Weil es die Erwartungen der Zielgruppe etwa mit den Kernthemen "Rassenhygiene" und "Lebensraum" passgenau erfüllt habe. Es bediente "perfekt die Affekte völkisch-antisemitischer Kreise, zudem mit einer buchstäblich überwältigenden Rhetorik". Und einer dröhnenden Redundanz. Kaum vorstellbar, dass der heutige Leser dem noch auf den Leim geht. Bald kann sich jeder selbst ein Bild machen.

(spol/dpa)
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