500 Meter Geschichte: Akademie der Künste erhält Kempowski-Archiv
zuletzt aktualisiert: 25.10.2005 - 15:46Berlin (rpo). Walter Kempowski wird in seinem Landhaus bald viel Platz haben. Der populäre Schriftsteller ("Tadellöser und Wolf") übergibt sein umfangreiches Archiv an die Akademie der Künste in Berlin. Es umfasst die literarische Sammlung des Autors, etwa 8.000 Biografien sowie 300.000 Privatfotos. Eine neue Sammlung ist geplant: "Ich suche jetzt nach Asylbewerbern und ehemaligen Russlanddeutschen, die mir ihre Geschichte aufschreiben", so Kempowski.
Mit den seit 1956 gesammelten Materialien hatte der Schriftsteller seine autobiografisch geprägten Romane, die "Deutsche Chronik" sowie sein Projekt "Echolot", in dem er Tagebücher, Briefe und andere Alltagszeugnisse zu collagenartigen Zeitgemälden verarbeitete, erstellt. "Ich bin jetzt 76 Jahre alt und es fällt mir körperlich und auch seelisch schwer, mit dem Archiv zu hantieren", sagte Kempowski.
Von den vielen Schicksalen, die er zusammengetragen habe, seien Wunden in seiner Seele zurückgeblieben. "Unter den Dokumenten befinden sich Originaltagebücher aus den Schützengräben beider Weltkriege und mit zittriger Hand geschriebene Briefe", sagte der Autor. Ein großer Teil der Einlieferer sei bereits verstorben. "Aber ich habe die Bilder alle im Kopf", sagte der Autor.
Kempowski hatte mit dem Sammeln von Dokumenten und Schicksalen 1956 nach seiner Haftentlassung aus dem Gefängnis in Bautzen begonnen, wo er wegen angeblicher Spionage für den Westen inhaftiert war. Er empfinde Wehmut, wenn er daran zurückdenke, wie er alles mit zwei Fingern zunächst an der Schreibmaschine und dann am Computer eingetippt habe. "Die frühesten Einsendungen in meiner Sammlung stammen von 1750. Es handelt sich um die Mitschrift eines Medizinstudenten", sagte er.
Ein letzter Roman
Ein Teil seines Archivs ist bereits in seiner Geburtsstadt Rostock öffentlich zugänglich. Es wäre seiner Ansicht nach finanziell nicht möglich gewesen, die komplette Sammlung in die Hansestadt zu geben. "Jetzt liegt das Herz in Rostock und das Archiv in Berlin", sagte Kempowski, der in der Hauptstadt einen Zweitwohnsitz hat.
Seine Arbeit hat Kempowski noch längst nicht abgeschlossen. "Die Akademie der Künste stellt mir eine Sekretärin zur Verfügung, die für mich Material zusammenstellt, wenn ich es in Narthum zum Schreiben brauche", sagte er. Im nächsten Jahr werde er seinen letzten Roman veröffentlichen, kündigte er an. "Er ist fast fertig. Anschließend werde ich mich nur noch mit meinen Tagebüchern befassen." 12.000 bis 15.000 Seiten habe er geschrieben, "bereits alle digitalisiert", wie er betonte.
Die Akademie am Pariser Platz in Berlin wird das umfangreiche Archiv des Schriftstellers künftig für alle zugänglich machen, die damit wissenschaftlich arbeiten wollen. Im Frühjahr 2007 soll es zudem eine Ausstellung der Sammlung als Chronik des vergangenen Jahrhunderts geben.
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