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Eine Streitschrift geht um die Welt: Autor Stéphane Hessel fordert: "Empört euch!"

VON INTERVIEW VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 18.01.2011 - 08:39

Paris (RP). Eine kleine Streitschrift mit dem Titel "Empört euch!" wurde in Frankreich eine Million Mal verkauft. Das Büchlein des 93-jährigen Stéphane Hessel könnte zum Weltbestseller werden. Dabei lebt die Faszination für das Pamphlet auch vom ungewöhnlichen Leben seines Verfassers.

Mit fast einer Millionen Exemplaren ist dieses Pamphlet das derzeit erfolgreichste Buch Frankreichs. "Empört euch!" von Stéphane Hessel könnte bald auch zum Weltbestseller werden – das Interesse in vielen anderen Ländern ist enorm. Der Erfolg der 30-seitigen Streitschrift über die Notwendigkeit der Empörung ist ein Phänomen, zu dem auch das abenteuerliche Leben ihres Autors gehört: des mittlerweile 93-Jährigen, der aus einer jüdisch-protestantischen Familie stammt.

Während des Zweiten Weltkriegs trat er der Résistance bei, wurde von den Nazis verhaftet, von der Gestapo gefoltert und im KZ Buchenwald zum Tode verurteilt. Nach glücklicher Rettung trat er nach Ende des Krieges in den diplomatischen Dienst und gehörte 1948 zu den zwölf Autoren der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Hat Sie dieser enorme Erfolg Ihrer kleinen Streitschrift überrascht?

Hessel Natürlich. Ich hoffte, einige junge Franzosen ansprechen zu können. Und jetzt treffe ich merkwürdigerweise die ganze Welt. Dieses kleine Heft regt offenbar die Menschen auch weit über Europa hinaus an – alle, die empfinden, dass uns etwas empört und dass man das auch sagen muss.

Spiegelt Ihre Schrift ein Defizit unserer zivilen Gesellschaft wider; brauchen wir eine neue Empörungskultur?

Hessel Man kann zumindest das sagen: Keine leitende Figur in der Politik ist derzeit stark genug, die Menschen zu überzeugen. Natürlich ist Angela Merkel eine wichtige Figur, aber auch sie überzeugt nicht alle Deutschen davon, dass es in die richtige Richtung geht. Selbst Obama vermag nicht zu überzeugen. Auch darum erkennen viele Menschen dieses Büchlein als eine nötige Stimme an, um gegen das vorzugehen, was uns missfällt.

Ist Empörung lebenswichtig; gehört sie zu unserem Selbstverständnis?

Hessel Da muss man vorsichtig sein. Denn es genügt natürlich überhaupt nicht, sich nur zu empören. Das Wichtige ist doch, nach der Empörung auch einzugreifen und etwas zu verändern. Es ist wichtig für einen Menschen, um ein richtiger Mensch zu werden, aus seiner Empörung heraus zu handeln.

Ist die Empörung in diesem Sinne eine Voraussetzung für die Entstehung von Moral?

Hessel Ganz richtig. Die Werte, die uns zur Empörung führen, sind gerade die Werte, die nötig sind, um weiterzukommen.

Sie sind 93 Jahre alt, haben also ein Alter erreicht, in dem man mehr Gelassenheit erwartet. Bei Ihnen aber scheint das genaue Gegenteil der Fall zu sein.

Hessel Na ja, ich bin eben empört über die Ungerechtigkeit und die Unzulänglichkeit unserer Zivilisation. Aber es hat mich ebenso empört, was ich im Gaza-Streifen selbst erleben musste. Dass es ausgerechnet in Israel, einem Land, das ich sehr liebe und das ich mir friedlich und freundlich wünsche, so schlimm zugeht, ist ein weiterer Grund meiner Empörung. Wichtig ist zudem die Erfahrung. Wenn man wie ich 93 Jahre alt geworden ist, dann besitzt man eben eine langjährige und große Erfahrung von dem, was geleistet worden ist – etwa mit der französischen Résistance im Zweiten Weltkrieg, der Entkolonisierung und der Abschaffung der Apartheid – all das sind Erfahrungen, die ich in meinem Gedächtnis habe. Daher kann meine Botschaft zu einer Botschaft des Fortschritts und des Vorwärtsgehens werden.

War für Sie auch der Fall der Berliner Mauer 1989 ein Akt von großer Empörung?

Hessel Das war eher ein Moment, in dem man hoffte, dass jetzt viele Probleme gelöst würden. Ein Gegen-Moment dazu war der 11. September. Allein in unserer jüngsten Geschichte haben wir damit schon etwas ungeheuer Gutes und etwas ungeheuer Schlechtes erlebt.

Sie sind in Deutschland aufgewachsen und haben deutsche Kultur schätzen und lieben gelernt. Was haben Sie empfunden, als ausgerechnet diese Deutschen aus dem Land der Dichter und Denker Sie dann verfolgt haben?

Hessel Es war die Erkenntnis, dass selbst ein Volk wie das deutsche sich in die Falle eines Verrückten begeben konnte. Glücklicherweise steht die Nachkriegsgeschichte im Zeichen der Bundesrepublik, die die demokratischste Republik von Europa geworden ist.

Wäre dieser Fall ins Barbarische ab 1933 auch in anderen Ländern denkbar gewesen?

Hessel Ich glaube nicht, dass das etwas typisch Deutsches war. Aber es gibt natürlich auch Länder, in denen das kaum vorstellbar gewesen wäre – wie etwa in Großbritannien, in einem Land mit ganz ursprünglicher demokratischer Bildung. Deutschland war am Anfang dieses Jahrhunderts politisch noch wenig kultiviert.

Sie beschreiben in Ihren jetzt erschienenen Memoiren vor allem den Wert von Gedichten, die Ihnen sogar im Konzentrationslager von Buchenwald geholfen haben. Kann denn Lyrik auch ein Akt des Widerstandes sein?

Hessel Poesie ist für mich eine Möglichkeit, sich herauszuziehen aus den Einschränkungen unserer Gesellschaft.

Nicht einmal die Nazis konnten Ihre Liebe zu Hölderlin zerstören.

Hessel Besonders Hölderlin war für mich in Buchenwald notwendig und zuverlässig.

Was haben Sie in Buchenwald dem Autor Eugen Kogon zu verdanken?

Hessel Na ja, ohne ihn wäre ich nicht mehr da. Er war derjenige, der das Komplott ausgeheckt hat, dass ich, als ich bereits zum Tode verurteilt war, mit dem Pass eines Häftlings – der eines natürlichen Todes gestorben ist – eine andere Identität annehmen konnte. So etwas gibt einem Menschen eine besondere Verantwortung für das Leben: Ein unglücklicher Mensch musste sterben, damit ich weiterleben konnte.

Quelle: RP

 
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