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Memoiren "Panikherz"
Ich, Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre zeigt Memoiren "Panikherz"
Lässt weit blicken: Der Autor in Los Angeles. FOTO: Brönner
Hamburg. Der 42-jährige Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre hat Höhenflüge genossen und tiefe Abstürze erlitten. Ein Leben zwischen Drogen und großer Bühne. Das gibt es jetzt detailliert zu lesen auf fast 600 Seiten, in seinen Memoiren "Panikherz". Von Lothar Schröder

Daran besteht wohl kein Zweifel - dass Benjamin von Stuckrad-Barre der beste Welterklärer ist: nämlich der Welt von Stuckrad-Barre. Die kennt er, die beschreibt er als Himmel und Hölle, ist darin mal Akteur und mal Zuschauer, mal Superstar und mal abgestürzter Held. Diese Welt braucht aber vor allem eins: Zuschauer, viele Zuschauer, so viele wie nur eben möglich. Auch darum gibt es das abenteuerliche Leben des Benjamin von Stuckrad-Barre - der aus einem gutmenschelnden Pfarrerhaushalt auszog, der Welt den Pop zu lehren - ab heute als Buch. "Panikherz" steht auf dem grellbunten Cover.

Konsequent an der Oberfläche

Es sind die Memoiren eines 42-Jährigen. Nichts Tiefgründiges. Stuckrad-Barre bleibt konsequent an der Oberfläche. Aber es ist die richtige Oberfläche. Und es ist die richtige, risikoreiche, unruhige Sprache, mit der das Leben abgetastet wird. "Panikherz" ist also aufregend und nervös und eins der pulsierendsten Bücher in diesem Frühjahr. Dass Kiepenheuer & Witsch erst einmal mit einer 50.000er Auflage an der Start geht, darf als übertrieben vorsichtig gelten.

Weil Stuckrad-Barre keine Fiktion lesen und keine Fiktion schreiben kann, hat er sich halt selbst zum Thema gemacht. Vielleicht ist auch darum in dem Buch so wenig von Frauen und nie von Sex oder wenigstens von Zweisamkeit die Rede. Wohl nicht wegen allzu großer Rücksichtnahme, sondern wegen einer gewissen Aufmerksamkeitskonkurrenz. Es käme eine zweite Person ins Blickfeld, und wenn die zufällig keine Berühmtheit ist, könnte die Unternehmung zweitklassig werden.

Pure Selbstbehauptung

Das aber geht bei ihm nicht - aus Prinzip und aus purer Selbstbehauptung. "Alles musste noch größer werden. Es (ich) durfte nicht aufhören", schreibt er. Da ist er auf der ersten Höhe des Erfolgs. Ist im Rausch einer Welt, die laut und lustig und so viel ist. Alles ist eine Erregung, und der gefeierte Autor, der permanent überforderte FAZ-Journalist und ergebene Harald-Schmidt-Gag-Schreiber ist mitten drin. Stuckrad-Barre macht also alles richtig und manches falsch. Etwa: Er nimmt das Fernsehen ernst und hält es für das Leben. "Ich hatte mich zugeschaltet", schreibt er mit einem dieser lakonischen und unwiderstehlich treffsicheren Sätze.

All das hat seinen Preis. Stuckrad-Barre beginnt das Saufen, das Koksen, das Kotzen. Über mehrere Seiten beschreibt er den Alltag eines Bulimikers, die ekeligen Zusammenbrüche, die absurden Versuche, Normalität vorzutäuschen und die chronisch eingerissenen Mundwinkel einfach wegzucremen. Sein Lebensglück dieser Zeit heißt: "Hundert Prozent Lesesaalauslastung, ein Prozent Fett." Auch das scheint Teil seines Helden-Epos zu sein. "Kaputtmachen als Evolutionsbrennstoff" nennt er das. Und so bittet er 2004 die Starfotografin Herlinde Koelbl, seinen Niedergang dokumentarisch zu begleiten. Selbst der Untergang des Helden verlangt nach Publikum.

"Stuckimann" und Lindenberg

Das Buch hätte es vielleicht nicht gegeben ohne Udo Lindenberg. Als Zwölfjähriger entdeckt der Autor ihn, da war Udo schon nicht mehr ganz oben. Stuckrad-Barre wird sich später von ihm distanzieren und ihn noch später wieder schätzen lernen. Am Ende, das heißt im vergangenen Jahr, reist "Stuckimann" (so Lindenberg) mit ihm nach Los Angeles. Und dort findet er dann die Freiheit, das Buch - schon immer geplant und oftmals begonnen - endlich zu schreiben.

Es gibt gute Passagen auf den knapp 600 Seiten, es gibt grandiose Stellen und es gibt die Erzählungen aus seiner Kindheit. Unfassbar die Schilderungen aus Rotenburg an der Wümme mit fairer Aufzucht im evangelischen Pfarrerhaushalt. Die Eltern getrieben von "pathologischer Hilfsbesessenheit". Stuckrad-Barre denunziert alle, also auch sich selbst - den absolut Chancenlosen bei den Mädchen in seiner Klasse, dem es dann irgendwie gelingt, ein Schulhofkonzert mit der Punkband Bates zu organisieren. Vielleicht produziert all das Katastrophale dieser frühen Jahre genau jene Not, die reicht, ausgerechnet in Udo Lindenberg einen Erlöser zu entdecken.

Kein Fazitmassaker

Das Buch ist trotzdem keins dieser üblichen Fazitmassaker. Sein Blick bleibt weiter auf die Unendlichkeit gerichtet, auch wenn er mitunter etwas glasig ist. Es wird weitergehen. Irgendwie. Aber ganz bestimmt. Wie schreibt es der Held: "Die Erinnerung ist die einzige Hölle, aus der es kein Entrinnen gibt. Und an ihr zu rühren, sie zu betreten, sie mit Gegenwart aufzuladen, heißt, einen Kampfhund zu reizen."

Quelle: RP
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