Bücherhotel in Mecklenburg lockt Leseratten mit Literaturbergen: Bibliothek mit Vollpension lockt Leseratten
zuletzt aktualisiert: 22.04.2004 - 15:49Groß Breesen (rpo). Tief versteckt im mecklenburgischen Flachland befindet sich das Bücherhotel. Das Gutshaus Groß Breesen verfehlen gerade lesebegeisterte Autofahrer nicht. Denn der Bundesstraßenabzweig, der zum Gutshaus führt, ist unübersehbar mit "Bibliothek" beschriftet.
"Die beste Werbung", findet Hotelchefin Kornelia Weiß. In ihrem Haus können lesebegeisterte Gäste aber nicht nur Bücher ausleihen. Zum Tauschfaktor von 2:1 dürfen sie jedes Buch mit nach Hause nehmen.
Die Regale reichen bei weitem nicht mehr, die Berge von Literatur zu fassen. Das mehrstöckige Gutshaus ist vom historischen Gewölbe bis hoch unters Dach angefüllt mit Büchern, Schallplatten und CD. Ob in Leder gebundene dicke Wälzer oder dünne Groschenheftchen, Bildbände oder Lexika, Belletristik, Märchen oder Fachliteratur - die oft abgegriffenen Exemplare stehen und liegen herrlich unsortiert eben gerade dort, wo sie zuletzt jemand in der Hand hatte. "Gezählt haben wir nicht, aber schätzungsweise ist unser Bestand auf mittlerweile 80 000 Bücher angewachsen", sagte die 41-jährige Gastgeberin.
Dass sich die Idee mit den Büchern als Volltreffer entpuppt, hätte die studierte Deutschlehrerin bei der Hoteleröffnung 1999 nicht gedacht. Mehrere Jahre lang hatte sie mit ihrer Familie das uralte Gutshaus umgebaut, in das sie sich während ihrer Studienzeit verliebt hatte. Mehr durch Zufall übernahm sie die Bestände einiger Bibliotheken, die aufgelöst wurden. "Bücher darf man nicht einfach wegschmeißen", findet Weiß. Sie übernahm auch Nachlässe. "In Wales habe ich mir das erste Bücherdorf angesehen. Dort haben sich um ein verwittertes Castle etwa 40 Buchläden und Antiquare angesiedelt, die Hotels sind immer voll. Aber ein Geschäft mit den Büchern wollte ich nicht machen", sagt sie.
Die Idee mit dem Büchertausch wurde von Gästen begeistert aufgenommen. Der Bestand wuchs so schnell, dass heute schon ein alter Stall zur Lagerung herhalten muss. "Ein befreundeter Antiquar kommt regelmäßig vorbei und stöhnt immer, wenn er die Unordnung sieht. Aber auch hier sind alle Bücher gesund", sagt Weiß lachend.
Das Durcheinander in Regalen, Kisten und auf Fußböden hat seinen besonderen Reiz. Der Gast werde geradezu animiert zu schmökern. "Hier wird jeder fündig." Sie erinnert sich an einen Gast, der beim Anblick des "Schweißerlehrganges von 1963" sein Glück nicht fassen konnte, ebenso wie ein Plattenfan beim Entdecken einer alten Bill-Haley-Aufnahme, die er ungläubig aus dem Regal zog.
Welche Schätze ihr Gutshaus verbirgt, weiß die Inhaberin selbst nicht genau. "Ich vertraue den Gästen. Was sie tauschen, ist ihre Sache. Wir schließen auch nichts ab; wenn jemand will, kann er auch nachts in die Scheune." Zu Anfang hatte sie einige Befürchtungen, mit Trivialem überschüttet zu werden. Viele Gäste brächten aber eher alte Buchbestände und "schwere" Literatur. Das treffe wiederum genau den Geschmack des lesenden Publikums, das sich gern in der mecklenburgischen Einsamkeit mit einem Buch in der Hand vergisst.
Dass sich auch berufsmäßige Bücherjäger nach Groß Breesen verirren, damit muss die Hotelfrau leben. "Aber die erkennt man, wenn sie mit einer Kiste alter Schwarten zum Kaffeetrinken kommen und gezielt nach guten Büchern suchen", sagt Weiß.
Der Büchertausch ist zum Selbstläufer geworden und beschert dem Gutshotel mit seinen 30 Zimmern eine gute Auslastung. Weiß lädt auch zu literarischen Abenden ein, sie empfiehlt den Gästen einen Ausflug zum nahen Schloss Rheinsberg und liest beim Frühstück ein paar Seiten Tucholsky vor.
Trotz allgegenwärtiger "geistiger Kost" beherbergt die Hotelchefin aber auch immer mal wieder Gäste, die kein Buch anfassen. "Wir sind auch Außenstelle des Standesamtes. Und Brautleute haben dann weniger Interesse an unseren Büchern."
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






