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Literatur
Lesen Sie Joan Didion!

"Blaue Stunden": Lesen Sie Joan Didion!
Joan Didion ist eine der berühmtesten Intellektuellen der englischsprachigen Welt. FOTO: Michael A. Jones/Sacramento Bee
Düsseldorf. Die amerikanische Intellektuelle und Stil-Ikone Joan Didion erlebt eine Renaissance. Endlich auch in Deutschland. Warum Sie die Autorin unbedingt lesen müssen! Von Philipp Holstein

Ihr schönster Text heißt "Das Spiel ist aus", er erschien 1967, und vielleicht ist das sogar einer der herrlichsten Zeitungsartikel aller Zeiten. Joan Didion beschreibt darin, wie sie einst in New York angekommen ist, sie schreibt über Jugend und Verheißung. "Ich konnte mir und anderen Versprechen geben und hatte alle Zeit der Welt, sie zu halten", heißt es da. "Ich konnte die ganze Nacht wach bleiben und Dummheiten machen, und nichts davon würde zählen."

Die heute 81 Jahre alte Amerikanerin Joan Didion ist eine der berühmtesten Intellektuellen der englischsprachigen Welt, eine Denkerin vom Range Susan Sontags. Und endlich wird sie auch in Deutschland mit Neuausgaben gewürdigt – dem List-Verlag sei Dank. Sie erfand mit Tom Wolfe und Truman Capote den New Journalism, das von einer subjektiven Sichtweise geprägte und literarisch ambitionierte journalistische Schreiben also. Sie veröffentlichte in "Life", "Vogue", "New Yorker" und "New York Review Of Books".

Sie schrieb Drehbücher, für "A Star Is Born" mit Barbra Streisand etwa. Und weil sie wusste, dass die Inszenierung im 20. Jahrhundert so wichtig ist wie das Werk an sich, ließ sie sich vor ihrer Corvette Stingray ablichten. Sie soll zu den wenigen Frauen gehören, die Film-Star Warren Beatty in den 70er Jahren einen Korb gaben. Und zuletzt tauchte sie in Anzeigen der französischen Modefirma "Celine" auf: das zarte Gesicht hinter einer gewaltigen Sonnenbrille. Warum sie mitgemacht hat, wurde sie gefragt. Antwort: "Ich wollte die Brille haben."

Im "Guardian" hieß es jüngst, dass bestimmt 86 Prozent aller Journalisten ihren Beruf wegen Didion gewählt hätten. In den USA läuft eine Kampagne mit dem Titel #JoanOnTheTen: Man will ihr Konterfei auf die neue Zehn-Dollar-Note bringen. Dass sie gerade jetzt so populär ist, mag an ihrer Art liegen, auf die Welt zu blicken. Didion erfasst in ihren ungezählten Reportagen und fünf Romanen, wie die Kultur entstand, in der wir leben. Sie schrieb über mitgehörte Gespräche im Restaurant, den mit Migräne im Bett verbrachten Tag. Sie wurde politisch, beobachtete Milieus und Bewegungen. Sie berichtete aus El Salvador, über die Iran-Contra-Affäre, den Starr-Report.

Am Anfang fast jeder Reportage stellt sie klar, dass sie zwar die Wahrheit sucht, aber nicht sicher ist, sie gefunden zu haben. Sie schreibt elliptische Texte voller klarer, harter und poetischer Sätze: Was passiert mit uns – wann und warum? Sie kennt die Antwort nicht, wie auch, aber sie spürt ihr nach, und wer das liest, kommt dem Geheimnis nahe.

Didion hat die Form gefunden, mit der sich die Gegenwart abbilden lässt. Sie stellt sich selbst in den Mittelpunkt, aber nicht aus Eitelkeit, sondern als eine, die vorangeht und auskundschaftet. Ihre letzten Bücher handeln vom Tod des Ehemanns, mit dem sie fast 40 Jahre verheiratet war, und von der kurz darauf verstorbenen Tochter: "Leid kommt, wenn es eintritt, in nichts dem gleich, was wir erwarten."

Didion hat ihr unerbittliches und hochmoralisches Ich zu etwas Exemplarischem gemacht, das lässt ihre Texte so intim wirken. Am Schluss des eingangs erwähnten Artikels beschreibt sie schließlich auch das Ende der Jugend: "Ich entdeckte, dass nicht alle Versprechen eingelöst werden würden, dass einiges tatsächlich unwiderruflich war und dass am Ende doch alles gezählt hatte, jede Ausflucht, jedes Zögern, jede Dummheit, jedes Wort, alles."

(hos)
 
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