Christa Wolf: Leibhaftig
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 02.06.2003 - 15:34Der Zusammenbruch kam vor dem Mauerfall, kam vor den Montagsdemonstrationen. Mit akuten Schmerzen musste Christa Wolf 1988 ins Schweriner Krankenhaus eingeliefert werden. Ein Blinddarmdurchbruch wurde diagnostiziert, noch dazu eine den Ärzten unerklärliche Immunschwäche.
Christa Wolf schwebte in Lebensgefahr, musste mehrfach operiert werden. Die Krankheit, besser gesagt: Das körperliche Leiden ist ein wesentliches Motiv in ihrem schriftstellerischen Werk. Es zeichnet die Einschnitte, die das Leben hinterlässt, die Gesellschaft, der Staat: wie in "Leibhaftig", der jüngsten, hoch gelobten und mittlerweile in Bestseller-Regionen aufgestiegenen Erzählung von Christa Wolf.
Während die Risse der durch und durch maroden DDR immer schlecht zu kaschieren sind, liegt die namenlose Ich-Erzählerin fiebernd im Krankenhaus. Bilder aus der Vergangenheit werden wieder lebendig, mischen sich mit mythischen Überhöhungen, mit Visionen und Träumen. Ein Buch, das ruhig, beinahe still und verletzlich am Vorabend der Revolution spielt. Und Christa Wolf liest die Erzählung gleichfalls in ihrer bekannt ruhigen Stimme, die bisweilen ein wenig wackelt und vibriert. In dieser Aufnahme wird das Hörbuch zu einem Tondokument in des Wortes bester Bedeutung. Mit der Stimme Christa Wolfs gewinnt der Text noch an Authentizität, scheint das Innenleben der Heldin noch transparenter, unmittelbarer zu werden.
Wie das Buch, so verdient auch das Hörbuch, ein Ereignis im Literatur-Frühjahr 2002 genannt zu werden. Lobenswert auch, das kurz nach der Buchveröffentlichung schon das Hörbuch auf dem Markt kommt und dem Leser eine gute Qual der Wahl bereitet. Und was immer noch nicht selbstverständlich ist: ein informatives, ansprechendes Booklet. Hier hat sich ausgezahlt, dass an der Redaktion des kleinen Heftes Jörg Magenau der große Wolf-Biograph beteiligt war.
(5 CDs)
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