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Buch-Trilogie: Cornelia Funke beendet "Tintentod"

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 29.09.2007 - 17:29

Düsseldorf (RP). Deutschlands meistgelesene Autorin, Cornelia Funke, hat ihre Tintenwelt-Trilogie beendet. Der letzte Band heißt "Tintentod" und bringt die Helden schwer in Bedrängnis. Ein Buch, das uns ins Universum der Wörter entführt.

Die Autorin Cornelia Funke kritisiert, dass Kinderbücher in Deutschland zu wenig beachtet werden.  Foto: ddp
Die Autorin Cornelia Funke kritisiert, dass Kinderbücher in Deutschland zu wenig beachtet werden. Foto: ddp

Früher hieß es immer: Lesen ist wichtig, bildend, hilfreich und gut. Mit Cornelia Funke allerdings haben wir lernen müssen, dass Lesen auch lebensgefährlich sein kann. Besonders das extrem gute Vorlesen, wie es der Buchbinder Mortimer Folchert - kurz: Mo - beherrscht. Der nämlich hatte im ersten Tintenwelt-Roman für kleine, große und erwachsene Kinder seinen verhängnisvollen Auftritt. Sein Vorlesen ist von derart magischer Art, dass Gestalten aus den Büchern zu uns wechseln und im Gegenzug reale Menschen in Buchwelten verschwinden. Auf diese Weise hat Mo seiner Tochter Meggie die Mutter weggelesen.

Das ist die sagenhafte Grundidee der Cornelia Funke: Mit dem Lesen kann man auch physisch in die Welt der Bücher gelangen und dort plötzlich Gestalten begegnen, die man lieber auf ewig unter Buchdeckeln begraben hätte. Aber zwischen diesen Welten geht es munter hin und her, im literarischen Sinne eine fast unendliche Geschichte.

Paradoxerweise hat diese jetzt ein Finale gefunden - nachdem das Funke-Personal ohnehin derart angeschwollen war, das nun ein mehrseitiges Who-is-Who nötig wurde. Außerdem ist es immer dramatischer geworden, wie es bereits die Titel der Trilogie verraten: Nach „Tintenherz“ und „Tintenblut“ wartet nun der „Tintentod“ auf uns.

800 Seiten starkes Werk

Wer es indes riskieren würde, die 800 Seiten des dritten Bandes mit seinen verschiedenen Erzählsträngen auch nur ansatzweise nachzuerzählen, soll auf der Stelle den Tintentod sterben. Darum nur dies in Kürze: Mo mit Tochter Meggie und all den anderen sitzen in der Buchstadt Ombra tief in der Tinte. Weil ausgerechnet Fenoglio, Autor des sagenumwobenen Buches und früher einmal Retter in großer Not, eine Schreibblockade hat. Nichts geht mehr. Und während Fenoglio sich mächtig leidtut, wird Orpheus aktiv - ein Abstauber unter den Erzählern, der jetzt versucht, der Geschichte seinen Stempel aufzudrücken: „Einer Geschichte, über die er mehr zu wissen schien als ihr Erfinder.“

Wem gehorchen eigentlich noch jene Wörter, die Menschen mir nicht, dir nichts verschlucken können? Fenoglio etwa? Oder dem Epigonen Orpheus? Oder dieser Cornelia Funke, deren Name immerhin auf allen drei Buchdeckeln steht?

Dies ist das eigentlich Magische an dieser Trilogie: dass im Kern der Abenteuer wirklich das Lesen steht und das Erzählen, dass die große Wanderung nur zwischen Text und Wirklichkeit stattfindet - und all die Mittelalter-Anspielungen mit ein bisschen Artus-Anmutung nur als Kulisse dienen. Wie zweitrangig die fiktive Welt ist, demonstriert die beigefügte Landkarte der „Tintenwelt“ mit Ombra im Süden und der „Burg am See“ im Norden. In ihrer lieblosen Schlichtheit muss die Karte jeden Fantasy-Leser zutiefst beleidigen.

Trilogie 2003 begonnen

Cornelia Funke hat uns mit der 2003 begonnenen Trilogie vielmehr ein „klassisch“ postmodernes Werk vorgesetzt. Und dass ausgerechnet der erzählte Diskurs über das Erzählen zu einem der größten Erfolge der deutschsprachigen Jugendliteratur geworden ist, fasziniert ebenso wie die Lektüre: Die ersten zwei Bände verkauften sich in Deutschland bisher 1,3 Millionen Mal, im englischsprachigen Raum sogar über sechs Millionen Mal. Und Band drei geht jetzt mit einer fulminanten 500000er Erstauflage an den Start. Für deutsche Verhältnisse ist das so etwas wie ein Bayern München der Dichtkunst.

Cornelia Funke hat ein Universum geschaffen, das nur aus Wörtern besteht. Und dies hat die 48-Jährige, die seit zwei Jahren in Los Angeles lebt, zu einer der wichtigsten Deutschen werden lassen, wie das „Time Magazine“ behauptete. Wenn das nicht tröstet in einer Welt, in der scheinbar keiner mehr lesen möchte.

Die Tintenwelt hat in uns ein Tor geöffnet. Nicht nach Ombra, auch nicht zu Kobolden, Glasmenschen und Feen, die freilich in der Tintenwelt allesamt nicht fehlen. Wir aber stehen staunend vor Buchstaben und Wörtern und alten Büchern und sind besoffen von den vielen Farben, in denen die Welt erzählt werden kann. Ein Buch über die Bücher, für das es zwei Empfehlungen gibt. Erstens: Unbedingt lesen! Zweitens: Aber auf keinen Fall vorlesen.


 
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