Selbst Rowling von Erfolg überrascht: Das Harry-Potter-Phänomen
zuletzt aktualisiert: 27.09.2005 - 12:03Frankfurt/Main(rpo). "Harry Potter" ist ein weltweites Phänomen. Wer dem Geheimnis dieses beispiellosen Erfolges auf den Grund kommen will, muss wohl selbst über Zauberkräfte verfügen. Sogar für die britische Autorin Joanne K. Rowling blieb der Siegeszug des Zauberschülers mit der runden Brille und dem Strubbelhaar bis heute ein Rätsel.
"Was passiert ist, ist ein Schock für mich", sagte Rowling einst in einem Interview, nachdem sie von der Sozialhilfeempfängerin zu einem Medienereignis geworden war. Früher habe sie gedacht, dass die Bücher vielleicht drei Menschen gefallen könnten - ihrer Tochter, ihrer Schwester und ihr selbst. Doch inzwischen sind die fantastischen Geschichten in 62 Sprachen übersetzt; mehr als 270 Millionen Exemplare wurden rund um den Globus verkauft. Das Erscheinen jedes neuen Bandes wird zum Event. In London, New York, Tokio oder Sydney stürmten in diesem Sommer lesehungrige Jugendliche in Harry-Potter-Kostümen die Buchläden, um den sechsten Band "Harry Potter und der Halbblutprinz" zu kaufen.
Noch nie in der Geschichte der Literatur gab es einen solchen Rummel um ein Buch. Als Johann Wolfgang Goethes Erfolg "Die Leiden des jungen Werthers" erschien, gab es auch faszinierte Leser, die sich so kleideten, wie der Dichter seinen Helden beschrieben hatte. Einige trieben die Nachahmung so weit, dass sie sich nach dem Vorbild des unglücklich Verliebten sogar eine Kugel in den Kopf jagten. Aber zu Goethes Lebzeiten wurden von all seinen Werken nicht mehr als 250.000 Exemplare verkauft. Dabei muss man allerdings bedenken, dass damals in Deutschland nur etwa eine halbe Million Menschen als Leser in Betracht kamen.
Nach Aussagen der Erfurter Literaturwissenschaftlerin Karin Richter bietet Harry Potter "Spannung, Abenteuer, Geheimnis, Unheilvolles in der Geschichte einer Individuation". Ein benachteiligtes Kind werde zu einem "Auserwählten", der aber nur auf der Basis freundschaftlicher Beziehungen erfolgreich sein könne. Die Schauplätze seien zwar fantastisch verfremdet, doch die Leser könnten eintauchen und die Verbindung mit ihren alltäglichen Erfahrungen herstellen. Elemente einer Detektivgeschichte seien ebenso enthalten wie humorvolle Passagen. Und vor allem ergebe sich die Qualität des Textes aus einer besonderen Perfektion einfallsreichen, faszinierenden Erzählens.
Kinder positiver zum Lesen eingestellt als angenommen
Für die Professorin kam der Erfolg Harry Potters nicht überraschend. Unter ihrer Leitung führte die Universität zwei repräsentative Erhebungen zur Lesemotivation in der Grundschule durch, die bisher einmalig in Deutschland dastehen. Sie förderten zu Tage, dass Kinder viel positiver zum Lesen eingestellt sind als im allgemeinen angenommen. In der Studie nennen die Kinder 1.319 gute Gründe, ein Buch in die Hand zu nehmen; dagegen werden nur 639 Argumente ins Feld geführt.
Die Gründe für das Lesen zeigen laut Richter den kindlichen Fantasiereichtum und das Bedürfnis, in abenteuerliche Welten abzutauchen. In der Erhebung von 2001 bezeichneten die Kinder häufig Harry Potter als ihre Lieblingsfigur, in die sie sich so hineinversetzten, dass sie zuweilen glaubten, selbst Harry Potter zu sein.
"Wir glauben, dass die Dimension innerer Bilder bei den jungen Lesern bisher unterschätzt wurde", sagte Richter. Beide Studien widerlegten eindeutig Behauptungen von Wissenschaftlern, die mit Verweis auf das Fernsehen geäußert hätten, dass es für ein durchschnittliches Kind eigentlich keinen Grund mehr gebe, ein Buch in die Hand zu nehmen.
Das Harry-Potter-Phänomen zeige auch, dass die Kinder und Jugendlichen zwar das Gemeinschaftserlebnis liebten, vor allem aber lesen wollten. Begleitprodukte wie Zauberhüte, Umhänge und T-Shirts fänden längst nicht den Absatz, den sich die Unternehmen erhofft hätten. "Die Wirkung von Harry Potter lehrt aber vor allem, genauer hinzusehen, wenn man grundlegende Aussagen über die Kinderkultur treffen will", betonte Richter.
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