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Zum Geburtstag von Günter Grass: Der Blechtrommler wird 80

VON FRANK DIETSCHREIT - zuletzt aktualisiert: 16.10.2007 - 11:44

Düsseldorf (RP). Literaturnobelpreisträger Günter Grass wird heute 80. Als Literat genießt er hohes Ansehen, als Moralist dagegen hat er Schaden genommen: Erst nach 60 Jahren gestand er seine einstige Zugehörigkeit zur Waffen-SS ein.

Oskar Matzerath konnte die Welt nach dem Rhythmus seiner Blechtrommel tanzen lassen. Der Knirps saß einst bei einer Versammlung der Nazis unter einer Tribüne und brachte den Braunhemden bei, dass man nicht nur stramm marschieren, sondern auch fröhlich tanzen kann. Mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ (1959) und den Büchern „Katz und Maus“ (1961) sowie „Hundejahre“ (1963), die sich zur „Danziger Trilogie“ vereinten, hatte Günter Grass den Deutschen einen neuen politischen Takt vorgetrommelt.

Viele Jahre lang schwang sich der Schöpfer des subversiv-anarchischen Oskar Matzerath zum moralischen Scharfrichter der Nation auf. Wetterte gegen das Verdrängen und Vergessen, warnte vor alten und neuen Nazis: „Ist uns die Wiederholungstat in Runenschrift vorgeschrieben?“, fragte Grass in einer Rede und wütete wortreich gegen eine Wiedervereinigung Deutschlands.

Da verwunderte es kaum, dass die Öffentlichkeit schockiert war, als ausgerechnet der Literaturnobelpreisträger, der immer wieder andere wegen ihrer Verfehlungen und Verstrickungen verurteilt hatte, in seinem Roman „Vom Häuten der Zwiebel“ (2006) mit einer Verspätung von 60 Jahren bekannte, dass auch er tief im Morast der Nazi-Vergangenheit steckt.

Denn anders als der am 16. Oktober 1927 in Danzig geborene Grass bis dahin immer kolportiert hatte, gehörte er nicht zur Generation der unschuldigen, zwangsrekrutierten Flakhelfer. Vielmehr hatte er sich als 17-Jähriger freiwillig bei der Waffen-SS gemeldet und war als Soldat in verlustreiche Kämpfe mit der auf Berlin vorrückenden Sowjetarmee verwickelt. Friedensnobelpreisträger Lech Walesa forderte den Autor auf, er solle „den Titel als Ehrenbürger der Stadt Danzig zurückgeben“. Was für ein Blödsinn! Denn die späten autobiografischen Enthüllungen schmälern nicht den Rang und die Bedeutung des literarischen Werkes.

Günter Grass steht nicht allein. Auch andere linksliberale Intellektuelle wie Walter Höllerer, Walter Jens oder Peter Wapnewski, die das kulturelle Leben jahrzehntelang mitbestimmten, zeigten im Hinblick auf ihre ruchbar gewordenen Nazi-Verstrickungen überraschende Gedächtnislücken. Die Debatte, die sich vor einem Jahr an der Lebenslüge des Günter Grass entzündete, war überfällig. Wenn Grass sie als „anstrengend und verletzend“ empfindet, zeigt das nur, dass er, der gern mit grobem Klotz argumentiert, zur Selbstkritik nicht fähig ist.

Wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag gab er in einem Interview zu Protokoll, er fühle sich in seiner Heimat „unfair behandelt“, „nicht ausreichend gewürdigt“, es fehle „an Respekt gegenüber dem Werk“. Ein selbsternannter Großinquisitor spielt beleidigte Leberwurst. Das hat er gar nicht nötig.

Denn noch immer gilt, was Hans Magnus Enzensberger schrieb, als der bis dahin lediglich als Lyriker („Die Vorzüge der Windhühner“, 1956) und Dramatiker („Die bösen Köche“, 1956) hervorgetretene Grafiker und Zeichner mit der „Blechtrommel“ wie ein Meteorit der Moderne in die deutsche Erzähl-Landschaft einschlug: „Dieser Mann ist ein Störenfried, ein Hai im Sardinentümpel, ein wilder Einzelgänger in unserer domestizierten Literatur, und sein Buch ist ein Brocken, wie Döblins ,Berlin Alexanderplatz’, wie Brechts ,Baal’“.

Die „Blechtrommel“ ist längst in die Liga der Weltliteratur aufgestiegen. Das kann man nicht von allen Romanen des Autors behaupten, der den Wahlkampf von Willy Brandt unterstützte, aus der SPD aber wegen ihrer Asylpolitik wieder austrat. In Romanen wie „Der Butt“ (1977), „Die Rättin“ (1986) und „Ein weites Feld“ (1995) zeigte die surreal-groteske, kraftstotzend pornografische Bildersprache deutliche Ermüdungserscheinungen.

Marcel Reich-Ranicki will sogar nur zwei Bücher gelten lassen. Lediglich die Novelle „Katz und Maus“ und die Erzählung „Das Treffen von Telgte“ hält der Literaturpapst für „wirklich gelungen“. Aber nicht nur Großschriftsteller, die sich zu moralischen Instanzen aufschwingen, auch Päpste sind fehlbar.


 
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