Kult-Autor Jerome D. Salinger: Der Fänger im Roggen ist tot
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 28.01.2010 - 21:23Washington (RP). Im Alter von 91 Jahren ist jetzt das Phantom der Weltliteratur gestorben: Jerome D. Salinger, der seit 1965 nichts mehr veröffentlichte und der mit seinem Kultroman „Der Fänger im Roggen” weltberühmt geworden ist. Über 60 Millionen Mal wurde dieses Werk verkauft.
Die Nachricht von seinem Tode ist auf skurrile Weise der letzte, traurige Beleg dafür, dass es ihn das vielleicht größte Phantom der Weltliteratur tatsächlich einst gegeben hat: den kauzigen, geheimnisvollen US-Schriftsteller Jerome D. Salinger.
Für seine riesige Leserschaft indes ist der 91-Jährige schon viel früher aus dieser Welt geschieden. Das war am 19. Juni 1965, als im „New Yorker” die Erzählung „Hapworth 16, 1924” erschien. Das nämlich war Salingers letzte Veröffentlichung. Danach zog er es vor, dem Literaturbetrieb, den Lesern und zu einem beträchtlichen Teil auch der Welt Adieu zu sagen.
Gespenstisch geradezu, auf welch rustikale Art er diesen Rückzug pflegte: Seit Mitte der 50er Jahre lebte er mit seiner Familie in einer Waldhütte bei Cornish, New Hampshire. Keine Interviews gab es, erst recht keine Lesungen, auch keine Fotos. Und als ob das alles noch nicht genügte, war der Zugang zur Wohnstätte ein rund zwanzig Meter langer Betontunnel, der, so heißt es, von Hunden bewacht wurde. Das beschreibt nicht die Existenz eines Eremiten oder Eigenbrötlers, sondern die fast schon militante Abkehr von etwas, das wir Zivilisation nennen. Fast freundlich erscheint dagegen die Verfilmung seines komischen Lebens in „Forester gefunden!” mit Sean Connery in der Titelrolle.
So unverständlich, dunkel und rätselhaft Salingers Lebenshaltung war, so geheimnisvoll ist auch sein großes Buch „Der Fänger im Roggen”. Eine Magie geht von diesem Buch aus, das mehr ist, als spannender Lesestoff. In diesem Roman geht es einfach um alles. Und erzählt wird das mit der Figur des jungen, 17-jährigen Holden Caulfield, der von der Schule fliegt, den das Leben drei Tage durchs vorweihnachtliche New York spült.
Es ist kalt in dieser Stadt und in dieser Welt, und Holden fragt sich, wer sich um die Enten im Central Park kümmert. Er hat Gespräche mit verrückten Taxifahrern, verabredet sich mit Sally, die von ihm bloß wissen will, ob er sie an Heiligabend besucht und mit ihr den Weihnachtsbaum schmückt. Das macht ihn ziemlich fertig und deprimiert.
Eine Geschichte voller Verluste und Traurigkeiten. Für seine geliebte kleine Schwester kauft er die „Little Shirley Beans”-Platte, schleppt diese durch die halbe Stadt, um sie dann fallen zu lassen. Nur die paar Scherben gibt er ihr und sie steckt sie ein, die gute Phoebe. Holdens Weltschmerz ist die Unverträglichkeit der Jugend mit der Welt der Erwachsenen, weil die aus Lügen und Kompromissen zu bestehen scheint. Alles in ihr ist heuchlerisch, unecht, irgendwie ungelebt. Solche Kontraste erfährt jeder junge Mensch; doch dieser Holden durchlebt sie, erleidet sie, sie schmerzen ihn und zerreißen ihn.
So eine Figur hat es schon einmal in der Literaturgeschichte gegeben. Das war Goethes Werther. Stilbildend sind beide Bücher geworden: Während zur Goethe-Zeit sich junge Männer im blaugelben Werther-Ornat auf die Suche nach einer unglücklich machenden Liebe begaben, setzten sich im Salinger-Jahrhundert viele Jungen wie erstmals Holden Caulfield die Baseball-Kappen mit dem Schirm nach hinten auf und revoltierten.
Dieser Aufruhr ist weniger ein Protest, er ist vielmehr der Aufschrei nach einer besseren, vielleicht geliebteren Welt. Der Impuls, der beide den jungen Werther und wie den jungen Holden Caulfield aufstehen, agieren und scheitern lässt, ist ein zutiefst romantischer. Denn darin tritt die Geisteshaltung zutage, der Welt mit ästhetischen Mitteln zu begegnen. In der Konfrontation mit der Welt muss sie eskalieren, und sie kann sehr gefährlich sein, wenn solche Bücher zu Bibeln für unverstandene, scheinbar ungeliebte Einzelgänger werden.
Nach dem Vorbild Werthers haben sich damals etliche junge Männer das Leben genommen; und auch „Der Fänger im Roggen” hat offenbar eine unglückselige Wirkung auf Querköpfe entfaltet: Marc David Chapman trug Salingers Roman bei sich, als er John Lennon erschoss; John Hinkley, der einen Mordanschlag auf Ronald Reagan unternahm, galt ebenso als Salinger-Fan wie der mutmaßliche Bombenleger Theodore Kaczynski.
Das hat nichts mit Literatur zu tun. Aber es umschreibt in seinen Randzonen die Magie eines Buches, das von seinem unerhörten Sound lebt und dank der Neuübersetzung durch Eike Schönfeld vor sieben Jahren auch in deutscher Sprache zu erleben ist. Es geht seither rauer zu im Buch, vulgärer. Was bei Böll „komischer Vogel” heißt, nennt Schönfeld „Arschgeige”. Man spürt, welche Version dem Helden näher kommt. Und so frontal beginnt das Buch: „Wenn ihr das wirklich hören wollt, dann wollt ihr wahrscheinlich als Erstes wissen, wo ich geboren bin und wie meine miese Kindheit war und was meine Eltern getan haben und so...”
Dieser unmittelbaren Kraft kann man sich kaum entziehen: In über 30 Sprachen ist der Roman übersetzt und weltweit mehr als 60 Millionen Mal verkauft worden. Noch heute sollen in den Vereinigten Staaten jedes Jahr über 755.000 Exemplare über die Ladentische der Buchhändler gehen. Sein letztes öffentliches Lebenszeichen ist sechs Monate alt, als er die Fortsetzung von „Der Fänger im Roggen” aus der Feder eines Epigonen verbieten ließ. Der letzte Kraftakt gegen eine Welt, die nicht mehr im Original, sondern in der Kopie Wahrhaftigkeit zu erkennen glaubt.
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