kalaydo.de Anzeigen stellen auto immobilien kleinanzeigen tiere ferienwohnungen inserieren
  RP Providing |  RP Shop |  PremiumCard |  RP Reise
         
  Newsletter |  RSS |  Mobil |  Apps
Abo & Service | Anzeigen | ePaper | Schulprojekte  
 
       
 
  Gast
Kommentare ()

200. Geburtstag: Der Moralist Charles Dickens

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 07.02.2012 - 13:25

Frankfurt/M (RP). Vor 200 Jahren wurde der Brite Charles Dickens geboren, der mit Romanen wie "Oliver Twist" und "David Copperfield" schon zu Lebzeiten berühmt war. Er kritisierte in vielen Werken die sozialen Missstände seines Landes; am Ende siegt bei ihm das Gute. Die Gesellschaft stellte er nicht in Frage.

Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Foto: dapd
Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren. Foto: dapd

Manchmal sind dumme Fragen ja die ertragreichsten. Dies bedenkend, trafen sich kürzlich in Berlin diverse Forscher aus diversen Ländern, um drei Tage lang darüber nachzusinnen, wie Charles Dickens heute – 200 Jahre nach seiner Geburt – schreiben würde.

Natürlich dachte man dabei an jenen Dickens, der die Fortsetzungsgeschichten erfand. Und so fiel es einigen nicht schwer, diesem literarischen Hünen, der mit "Oliver Twist", "David Copperfield" und der "Weihnachtsgeschichte" bereits zu Lebzeiten weltberühmt war, die Rolle eines Serienskriptschreibers anzudichten: von "Eastenders" möglicherweise, der britischen Variante unserer "Lindenstraße", oder der amerikanischen Polizeiserie "The Wire".

Zum runden Geburtstag hat auch Schriftsteller Martin Mosebach das Wort erhoben und zu bedenken gegeben, dass ohne Dickens die Comic-Welt von Disneys Entenhausen ebenso undenkbar wäre wie Harry Potter. Es liegt viel Ehrgeiz in der Luft, einen der größten englischen Erzähler noch über seine Werke hinaus in die Gegenwart zu hieven. Dabei ist das Werk ja keineswegs vergessen, wie immer neue Verfilmungen und Adaptionen seiner Stoffe verraten. Aber auch wenn ihm manche eine "latente Modernität" attestieren, so bleibt oft auch dieser Leseeindruck zurück: etwas schwulstig und gefühlig, pathetisch und symbolbefrachtet.

Ruheloses Arbeitstier

Wir ahnen, dass Dickens Sozialkritik an den Auswüchsen der industriellen Revolution als neu und erregend empfunden wurde. Und wir wissen heute, dass der Impuls zu diesem literarischen Feldzug die eigene Lebenserfahrung war: Als Zwölfjähriger wurde er von der Schule genommen und in eine Schuhwichsfabrik gesteckt, während der Vater als Schuldgefangener einsaß. Ein traumatisches Erlebnis, dass Dickens zu einem ruhelosen Arbeitstier werden ließ, das auch vor Erschöpfung im Alter von nur 58 Jahren starb. Fast alle seine Bücher sind literarische Dokumente dieser existentiellen Furcht, sie sind die Fortsetzung seines Lebens mit literarischen Mitteln.

Dieser unmittelbare Schreibanlass hat ihn zu einem glaubwürdigen Moralisten werden lassen. Aus all seinen zum Teil dickleibigen Romanen – 15 sind es am Ende geworden – spricht eine romantische Sehnsucht nach Gerechtigkeit, eine Sehnsucht nach Glück. Diese, so glaubte Dickens, sei auch in der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung zu verwirklichen.

Vielleicht war es die eigene Verstrickung in seine Literatur, die ihn trotz aggressiver Sozialkritik nie zum Revolutionär hat werden lassen. Zu seinen Lebzeiten wohnte in London ein anderer Kritiker der gesellschaftlichen Zustände, der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse: Karl Marx. Undenkbar aber, dass beide zum intellektuellen Austausch je zueinander gefunden hätten.

Dickens hatte das soziale Elend erkannt und beschrieben. Eine politische Dimension hat die Kritik bei ihm nie bekommen. Er hing vielmehr einer Vorstellung von Schicksal an, einem Traum von Unschuld. Es gibt bei ihm einen festen Glauben an das Gute, die unverdrossene Hoffnung auf Erlösung. Dazu gehören die Erbschaften, die immer wieder in seinen Büchern auftauchen und den gepeinigten Helden wie durch eine geheimnisvolle Macht von außen erretten.

Dickens stand der Kirche fern, nicht aber der Bibel. Christentum reduzierte sich für ihn auf die ethische Botschaft der Bergpredigt und auf den Glauben an die Erlösung. "Wir müssen Schicksalsschlägen kühn ins Gesicht sehen und dürfen uns nicht einschüchtern lassen", heißt es in David Copperfield. "Wir müssen lernen, die Komödie zu Ende zu spielen. Wir müssen das Unglück müde machen."

Großer Erfinder

Charles Dickens ist ein großer Erfinder gewesen: der Erfinder des modernen Romanschriftstellers sowie der Erfinder der Fortsetzungsgeschichten, die vordergründig zwar dem geschäftstüchtigen Autor zu einem beträchtlichen Vermögen verhalfen – am Ende soll es nach heutiger Umrechnung ein zweistelliger Millionenbetrag gewesen sein. Literarisch aber schien das Format der Serie auch die Botschaft des guten Ausgangs zu versprechen, indem mit jeder neuen Folge eine neue Hoffnung aufleuchtete.

Schließlich ist Dickens der Erfinder des modernen englischen Weihnachtsfestes, das er mit seinen Geschichten zu einer geselligen Familienfeier werden ließ. Viel kommt hier für Dickens Sehnsucht zusammen: die unverhoffte Gabe, das glückliche Erbe, der Traum der Erlösung. Sogar der stets grantige, fiese Geizhals Scrooge, ein Urbild des Sünders, wird geläutert.

Die Literatur von Charles Dickens ist wahr, sie berührt und überzeugt. Dem System aber, das das soziale Elend verursachte, ist sie nie zur Gefahr geworden. Weil in ihr kein Brandherd glimmt.

Quelle: RP/sap/top


Jetzt weiterlesen und die Rheinische Post testen.

 
Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung:

       
Anzeige:

Aktuell bei RP Online
Federn, Pailletten und wehende Röcke

Karneval der Kulturen

Federn, Pailletten und wehende Röcke

Wenn in Berlin Karneval der Kulturen ist, ist der Stadtteil Kreuzberg vor Federn, Pailletten und Röcken noch bunter als sonst. mehr 

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

"Die weiße Wut" - das Buch zur Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. mehr 

mehr Kultur
Aus der Region

"Die weiße Wut" - das Buch zur Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Politische Punktevergabe beim Eurovision Song Contest

Anke Engelke: "Europa beobachtet Dich"

Eurovision Song Contest in Baku

Das sagt das Netz zum ESC

Videos

Video

Grefrather Eisbahn wird zur Filmkulisse

Die Schlittschuhläufer laufen eine Runde nach der anderen. Auf der Außenbahn des Grefrather Eisstadions ist dieses Mal alles etwas anders . ... mehr 

Video

Gefangen im Monster-Stau von Peking

In Chinas Hauptstadt gibt es nicht nur viele Menschen, sondern auch ziemlich viele Autos. Kein Wunder also, dass es dort immer wieder zu ... mehr 

Sehenswerte Bildbände
Cover Michael Thompson Portraits (highres).jpg

US-Fotograf Michael Thompson

Aufregend, exzentrisch, faszinierend

Der weltweit gefeierte amerikanische Fotograf Michael Thompson gewährt dem Betrachter in seinem Bildband "Portraits" enthüllende Einblicke in das Leben von Berühmtheiten wie Julia Roberts, Cate Blanchett, Natalie Portman, Sting, Sean Combs, Rihanna ... mehr

 
lovigin 1.jpg

Die Welt des Fotografen Petr Lovigin

Gummitiere und melancholische Schweine

Wo Badenixen fortgeschrittenen Alters sich eine verbissene Schlacht mit aufblasbaren Gummitieren liefern, wo ein Metzger und sein frisch geschlachtetes Schwein sich einträchtig der Melancholie hingeben, hier ist man angekommen in der magischen Welt ... mehr

 
NYTM_06_full.jpg

"New York Times Magazine"

30 Jahre Spitzenfotografie

Seit über dreißig Jahren arbeitet das "New York Times Magazine" mit führenden Fotografen zusammen, erteilt ihnen Aufträge, animiert sie, die gewohnten Pfade zu verlassen und kreative, denkwürdige Bilder zu schaffen. Ein Bildband zeigt jetzt die ... mehr

Top-Services
Mehr Nachrichten Kultur Buch
Wie-Radikale-Obama-daemonisieren_1_48016.jpg

"Die weiße Wut" - ein Buch über die Tea Party

Ein Bild Amerikas zum Fürchten

Die Journalistin Eva C. Schweitzer hat sich intensiv mit Amerikas Neuer Rechter, der Tea Party auseinandergesetzt. In ihrem Buch beschreibt sie kenntnisreich, welche Auswüchse das Denken vieler Amerikaner angenommen hat. Von Philipp Stempel  mehr

 
 
 

Northstar heiratet Kyle Jinadu

Erste Schwulen-Ehe in "X-Men"-Comic

 

Iranerin veröffentlicht Buch über ihr Schicksal

Neda Soltani – verwechselt mit einer Toten

 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind .. mehr 
 
Möbel aus Turngeräten
Möbel aus Turngeräten
Die Möbel der Firma "Zur schönen Linde" sind ..
mehr 
Karneval der Kulturen in Berlin
Karneval der Kulturen in Berlin
Wenn Berlin zum Karneval der Kulturen lädt ..
mehr 
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Roman Lob überzeugt mit schlichten Gesten
Wie schon Lena vor ihm überzeugte Roman Lob ..
mehr 
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
ESC 2012: Die zauberhaften Momente der Künstler
Der Eurovision Song Contest 2012 wurde von den ..
mehr 
Eindrücke vom Wave-Gotik-Festival in Leipzig
Eindrücke vom Wave-Gotik-Festival in Leipzig
Das Wave-Gotik-Festival in Leipzig ist ein ..
mehr 
ESC 2012: Lenas seltsames Outfit
ESC 2012: Lenas seltsames Outfit
Beim zweiten Halbfinale des Eurovision Song ..
mehr 
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
ESC 2012 in Baku: Das sind die Platzierungen
Schweden darf den Eurovision Song Contest 2013 ..
mehr