Sind wir wirklich so?: Deutschsein zum Abgewöhnen
VON PHILIPP STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 17.04.2009 - 21:28Düsseldorf (RPO). Deutsche sind pünktlich, spießig und steif, schämen sich ständig und stopfen sich mit Süßigkeiten voll. So charakterisiert die Journalistin Katrin Wilkens in ihrem Buch "50 einfache Dinge, die typisch deutsch sind" ihre Landsleute. Spaß macht das nur in Ausnahmefällen.
Nicht schon wieder, mag man denken. Schon wieder ein Buch, das sich um die immer gleichen typischen Marotten der Deutschen dreht. Keine Nation der Welt beschäftigt sich so intensiv mit sich selbst wie die deutsche. "Bunt, lustig, aufregend", verspricht der Buchrücken immerhin dem Leser.
Aus der Sicht der Autorin (Jahrgang 1971) sind die Deutschen vor allem eins: verklemmt. Sie würden ja gerne so lässig sein wie die Italiener, immer auf der Suche nach der Kunst des Lebens. Aber gerade weil sie sich krampfhaft darum bemühen, geht das in die Hose. In der Einleitung macht Katrin Wilkens ihre Einstellung deutlich: Die Deutschen sollten endlich aufhören, sich für ihre Verklemmtheit zu schämen, sondern lieber versuchen eine Selbstverständlichkeit im Umgang mit sich selbst an den Tag zu legen. Erst wenn das geschafft ist, sei es möglich auch mal ein Buch über "50 liebenswerte Schrullen" der Deutschen zu schreiben. Eine unbefangene Herangehensweise ist das nicht gerade.
Länderkunde der alten Schule
Im Folgenden klappert sie unterschiedlichste Aspekte des Deutscheins ab. Unter dem Schlagwort "Charakter" befasst sie sich mit Pünktlichkeit, Scham, Ordnungsliebe, Spießigkeit, seltsamerweise aber auch mit Kapiteln wie Party, den Dichtern und Denkern sowie dem zwiespältigen Verhältnis der Deutschen zu Fernsehformaten wie "Deutschland sucht den Superstar" oder "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Was das noch mit den in Aussicht gestellten Eigenschaften zu tun hat, interessiert sie offenbar nur am Rande.
Wilkens schlägt bei ihrem Unternehmen Volkspsychologie einen großen Bogen. Auf "Charakter" folgen "Menschliches" (unter anderem Sport, an Kindern ausgelebter Eltern-Ehrgeiz) und "Kulinarisches". Den größten Teil des Buches nehmen wiederaufgewärmte Klischees ein: über die Eigenheiten der 16 deutschen Bundesländer und berühmte, Wilkens Ansicht noch typische Deutsche.
Nordrhein-Westfalen können so zum Beispiel erfahren, dass Westfalen wortkarg sind, Rheinländer karnevalesk und man Schimanski-Filme sehen sollte, um ein Bild vom Ruhrpott zu bekommen. Das ist zwar alles fröhlich gutgelaunt formuliert, aber dennoch weiterhin ziemlich kalter Kaffee.
Belehrungen nerven
Vieles liest sich leicht, flockig, angenehm. Wilkens kann anschaulich erzählen, verwendet lebendige Beispiele und liebt es zu überspitzen. Zum Beispiel, wenn sie das bayerische Wesen karikiert und schreibt: "Bayern ist wie ein zweijähriges Kind: vor Selbstbewusstsein strotzend, im Augenblick lebend und voll mit Vitalität, Frohsinn und Schelmerei." Gerne plaudert sie in ihren fröhlich plätschernden Auslassungen auch mal am Thema vorbei. Das fällt ihr zwar gelegentlich selbst auf ("sinnfreie Katalogisierung"), schert sie aber nicht weiter.
Nervig, ja regelecht zum Ärgernis aber wird Wilkens Buch, wenn sie den Zeigefinger hebt. Und das tut sie in Form reichlich anmaßender Belehrungen. Zum Beispiel, wenn sie Müttern vorwirft, dass sie ihre Kinder zu sehr verwöhnen und damit mitverantwortlich sind für Auswüchse wie das Koma-Saufen am Wochenende. Irgendwie lässt einen in solchen Momenten der Eindruck nicht los, dass die Person Katrin Wilkens mehr an den Deutschen leidet als die Nation selbst. So etwas versaut die Stimmung beim Lesen nachhaltig. Und das ist eigentlich schade, wartet die Autorin doch immer wieder mit originellen Gedanken auf.
Vielleicht wäre sie besser beraten gewesen, ein Buch über Deutsche zu schreiben anstatt über deren Eigenschaften. Ihre exkursartigen Kurz-Portäts von Menschen wie Dübel-König Artur Fischer oder Schlager-Star Stefan Mross zählen zu den wenigen Perlen dieses Buches. Noch mehr Klischees zum Abgewöhnen? Dann schauen Sie sich doch mal an, woran die Deutschen laut Wilkens zu erkennen sind. >>>Hier geht's los.
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