Auf der "Criminale" treffen Autoren ihre Leser: Die Faszination von Mord und Totschlag
zuletzt aktualisiert: 25.04.2005 - 10:06München (rpo). Krimis boomen derzeit. Jährlich erscheinen rund 200 neue Verbrechergeschichten auf dem Buchmarkt, Übersetzungen sind noch nicht mitgezählt. In der Autorenvereinigung "Das Syndikat" haben sich rund 400 deutschsprachige Schriftsteller zusammengeschlossen. Sie treffen sich ab Mittwoch zur "Criminale" im Hochsauerlandkreis und werden dort auch auf ihre Leser.
Aber was fasziniert die Leser so an Lektüre über Mord und Totschlag? "Literatur, die sich mit Verbrechen befasst, dringt viel tiefer in die seelischen Abgründe ein", sagt Horst Eckert, Sprecher der Krimiautorenvereinigung "Das Syndikat". Es gehe um Konflikte und die Schattenseiten des Lebens. Krimis seien keine Erfindung der Moderne: "Schon bei den alten Griechen war das Stoff für große Tragödien", sagt der Düsseldorfer Autor, der für seine hartgesottenen Polizeiromane bekannt ist und mit dem Glauser-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.
Eckert räumt ein, dass der deutsche Krimi viele Jahre mit einem Imageproblem zu kämpfen hatte. Jetzt glaubt er, "dass sich diese Vorbehalte in den vergangenen Jahren langsam in Luft aufgelöst haben". Deutsche Krimis würden zu Unrecht oft mit dem Stempel "Regionalkrimi" oder "Heimatliteratur" versehen. "Henning Mankell schreibt ja auch keine Schwedenkrimis. Was als Köln- oder Eifelkrimi publiziert wird, ist oft großartige spannende Literatur", betont der 44-Jährige.
Dem stimmt Monika Dobler, Inhaberin der Münchner Kriminalbuchhandlung "Glatteis" nur zum Teil zu: "Es fängt jetzt an, dass der deutsche Krimi auch eine Chance hat." Es halte sich bei vielen hartnäckig das Vorurteil, dass deutsche Krimis langweiliger sind. Schauplätze wie Miami oder New York seien für die Leser oft interessanter. Regionale Krimis hätten daher oft auch nur regionalen Erfolg.
Besonders beliebt bei den Kunden seien Serienfiguren: "Da wird ein neuer Band mit Commissario Brunetti oder Kurt Wallander auch brav gekauft, wenn die Serie schwächelt." Die Leser wollten zudem Storys mit Happy End, wo am Schluss die Ordnung wieder hergestellt wird. Insgesamt sei der Krimi-Boom ungebrochen: "Immer mehr Leute trauen sich offen zuzugeben, dass sie gerne Krimis lesen. Das ist keine Un-Literatur mehr."
Ein eher kritisches Urteil über die deutsche Krimiszene fällt jedoch der Münchner Autor Friedrich Ani. Manche Krimiautoren hätten keinerlei literarischen Anspruch und würden es gerade mal schaffen, "die Hauptsätze einigermaßen hinzukriegen". Der deutsche Krimi müsse "noch einen großen Schub bekommen, um relevant zu werden". Er vermisst den "literarischen Übermut" der Autoren, die kein anderes Ziel hätten, "als einen Mordfall relativ verzwickt aufzubrezeln", sagt Ani, der für seine Romanserie um den Vermisstenfahnder Tabor Süden zwei Mal hintereinander den Deutschen Krimipreis erhielt und derzeit TV-Drehbücher für ARD und ZDF schreibt.
Der kommerzielle Erfolg ist für Ani kein Beweis für Qualität: "Auch Donna Leon verkauft sich gut, obwohl man sich nach jeder Seite den Wecker stellen muss, um nicht einzuschlafen." Und viele Krimis würden gekauft, weil sie nichts anderes seien als "verpackte Heimatromane" mit "regionaler Identifizierungsmöglichkeit". Im deutschen Krimi stellt Ani einen "gigantischen Kuschelfaktor" fest: "Die Leute glauben, wenn man kuschelt, ist man gerettet." Bei sich selbst diagnostiziert er allerdings ein "großes Kuscheldefizit": Darum zieht der 46-Jährige jetzt die Konsequenz: Er will vorerst keine Krimis mehr schreiben. Und aus dem "Syndikat" ist er auch ausgetreten.
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