Julia Franck: Die Mittagsfrau und ihre Übersetzer
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 02.07.2008 - 08:43Straelen (RP). Bestsellerautorin Julia Franck (38) traf sich jetzt im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen mit 18 Übersetzern aus aller Welt. Gemeinsam arbeiten sie an einer trefflichen Übertragung des Romans „Die Mittagsfrau“. Er wurde 2007 zum besten deutschen Roman des Jahres gewählt.
Früher war das eine Art Highway der Kühe: morgens raus aus Straelen, abends rein nach Straelen. So etwas bleibt stilbildend. Und darum heißt die Straße im Ortskern heute noch Kuhstraße, auch wenn längst ganz andere Umtriebe herrschen. Denn im Europäischen Übersetzer-Kollegium zu Straelen wird seit 30 Jahren die Literatur dieser Welt in viele Sprachen übertragen, von Übersetzern aus aller Herren Ländern, die dort wohnen und arbeiten und diskutieren.
Das alles muss man bedenken, um zu begreifen, warum in diesen Tagen 18 Übersetzer im Atrium dieses wundersamen Literaturhortes beieinandersitzen und sich mit der Autorin über ein Buch die Köpfe heiß reden – über Julia Francks „Die Mittagsfrau“, die 2007 zum besten deutschen Roman gewählt wurde und mittlerweile über 400 000 Käufer fand.
Die deutsche Familiengeschichte scheint die halbe Welt zu interessieren: Maia Mirianaschvilli ist aus Georgien gekommen, Junila Godola aus Albanien, Piret Pääsuke aus Estland, Raija Nylander aus Finnland, Marcelo Backes aus Brasilien und noch viele andere Übersetzer mehr. Mit aufgeschlagenen Notebooks vor der Nase und vielen Fragen in petto.
Doch erst einmal erzählt Julia Franck von der Geschichte des Romans, die in Teilen ihre eigene Familiengeschichte ist. Von ihrem Vater also, der als Achtjähriger unmittelbar nach Kriegsende von seiner Mutter auf einem Bahnhof ausgesetzt wurde. Er wird später nie mehr ein enges Verhältnis zu Frauen entwickeln können. Dieser Vertrauensbruch sei prägend gewesen, sagt Franck.
Die 1970 in Ostberlin geborene Autorin erzählt sehr ruhig vom Schicksal ihres Vaters und ihrer Familie. Das meiste hat sie recherchieren müssen, nur manches erlebte sie selbst. Es reichte für eine „autobiographische Erregung“, wie Julia Franck sagt, es reichte für die Erfindung eines Romans, der auch zur Findung der eigenen Lebensgeschichte wurde.
Womit beginnt man beim Übersetzen? Natürlich mit der ersten Seite. Natürlich nicht, ruft jemand vom hinteren Ende der langen Arbeitstafel – und fordert eine sofortige Diskussion über den Titel. Und damit ist das Thema allein für den Vormittag gebucht.
Denn „Die Mittagsfrau“ hat es in sich: Die titelgebende Figur soll einer Lausitzer Legende zufolge jenen Menschen erscheinen, die mittags arbeiten. Und sie fordert von ihnen, über die Verarbeitung des Flachses zu erzählen, sonst droht Strafe, bisweilen der Tod. Die Legende erzählt von der Notwendigkeit des Erzählens, um das Leben zu retten. Eine Art Scheherazade also – der mythischen Erzählerin aus 1001 Nacht.
Die Legende kennt viele Abwandlungen, mit Krabbat etwa oder der Roggenmume, vor allem aber bereitet sie den Übersetzern immenses Kopfzerbrechen. So schön das Märchen ist – wie um alles in der Welt erklärt man in Brasilien mit dem Titel eine mythische Figur aus dem sorbischen Kulturkreis? Am besten wörtlich, schlägt Marcelo Backes vor, auch wenn die Mittagsfrau in seinem Heimatland etwas ganz anderes bedeutet. Dort ist sie eine Karnevalsfigur mit explizit erotischen Attributen. Macht kaum etwas, heißt es am Tisch. Zumal auch die deutsche Leserschaft Ähnliches im Sinn hatte. Die Männer jedenfalls, so Franck, assoziieren mit der Mittagsfrau zunächst eine Geliebte, die Frauen eher eine Gestalt am Herd.
Bei aller Freiheit – der Übersetzungsversuch aus England erscheint für „Mittagsfrau“ kaum tauglich: Die „Lunch Lady“ ist für den Papierkorb, dagegen wird das Chesterton-Zitat „The blind side of the heart“ (Die blinde Seite des Herzens) diskutabel.
Und Julia Franck sitzt vor der Wand mit Wörterbüchern über Fische, Schildkröten und Korallen und staunt, wie lebendig und neu ihr Buch wird. Eine Autorin unter vielen Mitautoren, die ihren Roman ein zweites und drittes und viertes und fünftes Mal schreiben – nur in anderen Sprachen. Jeder hat seine Vorstellung im Kopf, seine Lesart, seine Ideen und Vorlieben. Alle sind in diesem Sinne Schöpfer.
Bald wird die Pfarrkirche von St. Peter und Paul zu Mittag läuten, und noch immer ist die Hürde des gelungenen Titels nicht genommen. Wie denn auch! Selbst Julia Franck hatte so ihre Probleme – und weil Manuskripte heutzutage keine Manuskripte mehr sind, sondern Dateien, sucht die Autorin im eigenen Notebook schnell nach früheren Titelversuchen. Wie „Scham und Schande“ (zu anmaßend, heißt es), wie „Tanz am Rande des Abgrunds“ oder auch „Die fremde Frau“. Und für Julia Francks alten Titelversuch „Der Hohlraum im Bauch des Fisches“ hat Moderator Denis Scheck nur ein Urteil aus der Filmbranche parat: „Pures Kassengift“.
Das darf man sagen und soll es auch. Ehrfurcht verdient nur der Text. Und so wird weiter um manches Wort gerungen im sonnigen Innenhof des Übersetzerkollegiums, das wieder einmal sein kleines Geheimnis freilegt: dass nämlich all die Übersetzungen der vielen Bücher schiere Völkerverständigung sind. Und dass in diesen Momenten der Mühe um das einzig treffende Wort an der Kuhstraße 15–19 zu Straelen ein wertvolles Herz Europas schlägt.
Dann aber ist erst einmal Pause. Schon wegen der märchenhaften Mittagsfrau.
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