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Themenpaket Karl May
  Foto: dpa, dpa
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Vor 100 Jahren gestorben: Die Verwandlung des Karl May

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 30.03.2012 - 11:57

Düsseldorf (RP). Vor 100 Jahren ist Deutschlands populärster Schriftsteller in seiner Villa in Radebeul gestorben: Karl May, der am Lebensende seine Ehre in vielen Prozessen zu retten versuchte. Geplatzt war damit ein weiterer Traum: sich sein Leben in erdichteten Figuren neu zu erfinden.

Vielleicht war es ja doch nur ein dummer Zufall, ein Versehen, wie es geschehen kann. So darf sich Karl May als junger Lehrer die Taschenuhr seines Zimmergenossen ausleihen – nur für den Unterricht. Als aber die Weihnachtsferien 1861 beginnen, vergisst er nach eigenen Worten die Rückgabe und wird erst von einem Gendarmen wieder daran erinnert.

Zu spät also; Karl May wird des Diebstahls angezeigt und verurteilt, er verliert seine Anstellung und somit jegliche Perspektive, im Lehrerberuf noch einmal arbeiten zu können. Nach sechswöchigem Gefängnisaufenthalt ist der junge Karl May ein anderer Mensch, mit einem anderen Leben und einem Schicksal, das ihn am Lebensende wieder einholen soll. Und als er vor 100 Jahren, am 30. März 1912, in seiner Villa Shatterhand in Radebeul an einem Herzschlag stirbt, war er auch gezeichnet von den Gespenstern seiner Vergangenheit.

Eine Spur von Zechprellereien und Betrügereien

Ist das zu dramatisch, zu pathetisch? May selbst hat behauptet, dass die herrschende Gerichtspraxis ihre Opfer selbst erzeuge. Und wie exakt scheint dieses Diktum auf ihn zuzutreffen: Nach der Taschenuhr-Haft verliert der Sohn einer armen Weber-Familie den Halt des bürgerlichen Lebens.

Er zieht über die Dörfer und hinterlässt eine Spur von Zechprellereien und Betrügereien. Mal gibt er sich als vermögender Arzt aus, mal als Plantagenbesitzer einer Karibikinsel, dann versucht er, Pelze zu erschwindeln. 1865 wird er zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, und weil auch danach seine kriminelle Energie nicht erlahmt ist, folgen weitere vier Jahre Zuchthaus ab 1870.

Der kriminellen Karriere folgt ein neuer, bemerkenswerter Lebensweg. Der des Volksschriftstellers, des Schöpfers von Old Shatterhand und Häuptling Winnetou, von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, dessen vollständigen Namen aus zwölf Wörtern jeder ernstzunehmende Karl-May-Leser auch viele Jahre nach der Lektüre wie aus dem Effeff aufsagen kann – in einer Andacht, wie sie den Ausflügen in die Kindheit oft geschuldet ist.

Bis heute Deutschlands populärster Schriftsteller

Diese Nostalgie gründet auch auf einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte: Karl May ist bis heute Deutschlands populärster Schriftsteller, mit 100 Millionen verkauften Büchern allein hierzulande; weltweit dürfte die Zahl doppelt so hoch sein. Übersetzungen gibt es in 42 Sprachen, als letzte kamen Kurdisch und Albanisch hinzu. In den Schrankwänden deutscher Wohnzimmer gehörte der massive Riegel aus dunkelgrünen Karl-May-Einbänden ebenso zur Wirtschaftswunderzeit wie der VW-Käfer vor der Haustüre.

Karl May ist ein deutsches Kulturgut. Das Schicksal des Autors aber ist ein Lebensdrama, das sich im Grenzbereich von Traum und Wirklichkeit abspielt. Und vieles beginnt 1904 vor Gericht mit dem Rechtsstreit Karl Mays gegen den Journalisten Rudolf Lebius, der Diffamierungen und Lügen nicht scheut, der über den "Verderber der deutschen Jugend" 142 Artikel verfasst, die Vorstrafen des berühmten Autors plakatieren lässt, um ihn als "geborenen Verbrecher" darzustellen.

Es ist fast unerheblich, dass Karl May in diesem demütigenden Rechtsstreit – in dessen Verlauf auch seine Villa nach einer gefälschten Promotionsurkunde durchsucht wird – am Ende obsiegt. Zu diesem Zeitpunkt ist der so erfolgreiche Schriftsteller, umgerechnet soll er zu Lebzeiten einen zweistelligen Millionenbetrag verdient haben, längst ein gebrochener Mann und sein Tod ein knappes Jahr später eine Folge all der Strapazen.

Willder Westen aus dem Resieführer

Denn vor Gericht scheitert am Ende sein großer, vielleicht einziger Lebenstraum: sich in seinen Figuren zu erfinden, sich in eine phantastische Welt zurückziehen zu können und dann aus ihr als Unbefleckter wieder hervortreten zu können. Was in jungen Jahren misslang, sollte in späteren dank der Sprache wieder heil werden. Dazu aber muss eine neue Welt geschaffen werden, und je exotischer sie ist, desto ungreifbarer muss sie sein.

Dazu bedarf es dann auch keiner Recherche mehr vor Ort: Karl May zieht lieber Landkarten und den Baedeker zu Rate, um den Wilden Westen und das nicht minder wilde Kurdistan auferstehen zu lassen. Seine späteren, quasi postliterarischen Reisen in den Orient 1900 und nach Nordamerika 1908 werden keine Erfüllungen sein, denn sie hatten nichts mit der Fantasiewelt seiner Bücher zu tun.

Karl May hat für seinen Lebenstraum viel getan. Sein Arbeitszimmer lässt er mit exotischen Requisiten ausstaffieren und den legendären Henrystutzen als authentisches Zeugnis nachbauen, er schreibt nächtelang und versetzt sich mit Schlafentzug, Kaffee und Zigarren in halluzinatorische Zustände, er lässt sich in der Gewandung von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi fotografieren und bekennt mehrmals: "Ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle."

In der Rolle des Ich-Erzählers wird er selbst zum Märchen, alles existiert nur als eine allegorisierte Wirklichkeit. Dazu ist auch notwendig, dass in den vielen Reisegeschichten so oft das Gleiche erzählt wird und das Ensemble sich selten ändert. Denn erst mit der Wiederholung kann das Erfundene zum Vertrauten werden.

Dass sich diese Wunschwelt am Ende auflöst, weil sich solche Gebilde irgendwann immer auflösen, wird zur erschütternden Erkenntnis für Karl May. Aber dass dies auch noch in aller Öffentlichkeit verhandelt wird, stellt ihn als jemanden dar, vor dem er einst mit so viel Aufwand endgültig zu fliehen hoffte: als den Hochstapler.

Quelle: RP/csr/rm/pst


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01.04.12 16:39 Uhr
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