Don DeLillo: Cosmopolis
zuletzt aktualisiert: 25.08.2003 - 16:19Irgendwo zwischen der Ost- und der Westseite von Manhattan bricht der Weltmarkt zusammen. Schuld ist Eric Packer, mit 28 Jahren einer der mächtigsten internationalen Fondmanager. Er ist der Held des neuen Romans von Don DeLillo.
New York ist die große Kulisse für "Cosmopolis", die groteske, klug, witzig und oft zynisch erzählte Geschichte eines chaotischen Tages im Leben der Weltstadt. Eines Tages, der sich mehr oder weniger zufällig als der letzte im Leben des Multimilliardärs Packer entpuppt.
Nach einer durchgrübelten Nacht in seiner 48-Zimmer-Wohnlandschaft im höchsten Apartement-Wolkenkratzer der Welt sinkt Eric Packer wie jeden Morgen in den ledernen Clubsessel seiner weißen High-Tech- Strechtlimousine. Monitore zeigen Kurse an, sie zeigen, dass Packer mit Devisenspekulationen um den japanischen Yen Millionen von Dollar verliert, im Minutentakt.
Der Finanzjongleur könnte gegensteuern, doch der Zusammenbruch von Banken und Unternehmen lässt ihn unglaublich kalt. Er will zum Friseur auf der Westseite Manhattans. Die Fahrt in der Strech-Limo packt DeLillo voll mit Ereignissen und Figuren, die in ihrer Belanglosigkeit für den Gang der Dinge austauschbar sind. Egal, ob es um den Präsidenten der USA geht, dessen Aufenthalt in New York keine nennenswertere Folge als die Verstopfung der Straßen hat, oder um Packers Sicherheitschef - "ein Mann, dessen Kopf aussah, als ließe er sich für Wartungsarbeiten abnehmen".
Die Milliarden bieten dem am Rande des Wahnsinns wandelnden Packer keinen Thrill mehr, egal ob sie gewonnen oder verloren werden. Sraßenschlachten zwischen Globalisierungsgegnern und der Polizei auf dem Times Square verschaffen ihm wenigstens für kurze Zeit das Vergnügen zynischen Philosophierens über die Allmacht des Kapitals, das seine vermeintlichen Totengräber hervorbringt, nur um sie zu verschlingen. Dass die zimtfarbene Leibwächterin Kendra ihm eisgekühlten Wodka von den Genitalien leckt und ihn anschließend mit ihrer Hunderttausend-Volt-Pistole in Erstarrung versetzt, ist auch nur ein vorübergehender Lustrausch. Als der Sicherheitsdienst meldet, im New Yorker Chaos lauere ein Mörder, weiß Packer: nur noch die Begegnung mit diesem anderen Wahnsinnigen kann den letzten großen Kick bringen.
"Cosmopolis" ist das erste Buch, das der New Yorker DeLillo, der zur Elite der amerikanischen Gegenwartsautoren zählt, seit der Zerstörung des World Trade Centers veröffentlichte. Entsprechend groß waren die Erwartungen. Als der Roman im Frühjahr in den USA erschien, reichten die Reaktionen von Begeisterung bis Ablehnung. Der "San Francisco Chronicle" lobte, DeLillo denke über die moderne Welt in einer Sprache und in Bildern nach, "wie es hintergründiger kein zeitgenössischer Schrifsteller könnte". Michiko Kakutani hingegen, Literaturkritikerin der "New York Times", bezeichnete "Cosmopolis" als einen "großen Versager, so traurig und langweilig wie ein schlechter Wim-Wenders-Film, so überholt wie eine alte Ausgabe des "Interview"-Magazins".
Sie nahm übel, dass ausgerechnet DeLillo, der in Romanen wie "Weißes Rauschen" (1984), "Libra" (1988) oder "Unterwelt" (1997) Gewalt und Paranoia und ihre Auswirkungen auf das kollektive Bewußtsein Amerikas literarisch analysiert habe, seinen jüngsten Roman nicht in die "Welt nach dem 11.9." verlegte. Schließlich habe bisher "kein amerikanischer Schriftsteller stärker als Don DeLillo im Einklang gestanden mit der surrealen Verrücktheit unserer jüngeren Geschichte".
Der Autor, der die Medien gern mit Verachtung straft, reagierte darauf nicht. Das war auch nicht nötig, denn DeLillo erweist sich mit "Cosmopolis" einmal mehr als ein Meister der Kunst, gesellschaftliche Erschütterungen spürbar zu machen, ohne sie unbedingt direkt zu erwähnen. "Früher kannten wir die Vergangenheit, aber nicht die Zukunft. Das ändert sich gerade", lässt er eine seiner Gestalten sagen.
"Cosmopolis" spielt im April 2000, lange vor den Erschütterungen des 11. September 2001 und reicht doch über sie hinaus. DeLillos Thema ist die banale Alltäglichkeit der Globalisierung, die Austauschbarkeit ihrer Akteure in einer Welt, wo politische Macht zur Illusion wird angesichts der Macht der Marktmechanismen. Daran hat der 11. September in der Welthauptstadt des Kapitals nichts geändert.
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