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Donna Leon
"Ich brauche all das Geld nicht"

Donna Leon: "Ich brauche all das Geld nicht"
Donna Leon auf der Frankfurter Buchmesse. FOTO: dpa, ade kde
Frankfurt. Die in Venedig lebende Bestsellerautorin Donna Leon fördert mit ihrem guten Einkommen verschiedene Musikprojekte. Im Interview verrät sie zudem, ob sie manchmal von Commissario Brunetti träumt. Von Lothar Schröder

Donna Leon zählt zu den erfolgreichsten Krimi-Autoren der Welt. In Millionen-Auflagen sind ihre Venedig-Krimis um den eigenwilligen Commissario Brunetti erschienen. Vor Kurzem erschien in Deutschland mit "Ewige Jugend" der 25. Band. Donna Leon unterrichtete nach dem Studium englische Literatur, war Reisebegleiterin in Rom, Werbetexterin in London sowie Lehrerin an amerikanischen Schulen in der Schweiz, im Iran bis 1979, in China und Saudi-Arabien. Die 74-Jährige lebt fern der USA - nämlich in Venedig, zunehmend aber in der Schweiz. Aus ihrer Briefwahl macht die amerikanische Staatsbürgerin kein Geheimnis: Ihre Stimme hat sie Hillary Clinton gegeben.

Was für eine schöne Ehre, dass Sie jetzt ...

Leon Oh nein, mit Ehre hat das gar nichts zu tun. Wir Menschen sollten doch immer einander gleichermaßen respektieren und einander stets auf Augenhöhe begegnen.

Ach, und ich dachte, dass in Italien und gerade in Venedig mehr Wert auf die Form gelegt wird. Apropos: Wann sind Sie dort zuletzt Commissario Brunetti begegnet?

Leon Komischerweise ist er für mich weit weniger real als für meine Leser. Er ist und bleibt für mich eine Fiktion. Ich weiß zwar genau, was er denkt, was er tut und wie er reagiert. Aber er begleitet mich nicht über die Bücher hinaus.

Sie träumen also nicht einmal von ihm?

Leon Glauben Sie mir: niemals.

Mit "Ewige Jugend" ist jetzt der 25. Brunetti-Krimi erschienen. Hat er sich nicht bald einmal den Ruhestand verdient?

Leon So lange es mir Spaß macht, nicht. Also, niemals - solange ich laut lachen kann, wenn ich mir über ihn etwas ausdenke und es niederschreibe. Bis zum heutigen Tag hat er mir nur Freude bereitet; und er wird es weiter tun. Darum weiß ich, dass ich noch viele weitere Brunetti-Romane schreiben werde, jedes Jahr einen. Ich liebe das wirklich, trotz der grausamen Dinge, die da manchmal geschehen. Aber es gibt immer auch viel Leichtigkeit in den Geschichten. Ausschließlich ernst und seriös zu schreiben, kann ich gar nicht und will es aber auch nicht.

Kann es sein, dass für Sie die sogenannte Unterhaltung zu den vornehmsten oder auch wichtigsten Aufgaben von Literatur zählt?

Leon Das glaube ich unbedingt. Man kann auch sehr ernste Dinge auf eine sehr leichte Art und Weise sagen.

Brunetti ist und bleibt ja ein komischer Polizist. Nie erlebt man ihn mit einer Waffe ...

Leon ... schlimmer noch: er vergisst sie sogar.

Auch Gewalt übt er nie aus.

Leon Aber ist das nicht nur ein Klischee, das wir vor allem von amerikanischen Polizisten haben? Sehen Sie, ich kenne in Italien so nette Polizisten, die dieses Klischee nicht erfüllen. Eigentlich ist es eine Schande, dass wir glauben, Polizisten müssten stets gewaltvoll auftreten.

Für mich ist Brunetti ein Melancholiker, ein Mensch mit einer sehr grüblerischen Sicht auf die Welt und ihr Treiben.

Leon Unbedingt ist er das. Wobei er für seine Weltsicht keine Art Philosophie nötig hat; er hat die Konstellation seiner Familie, das reicht. Seine Familie ist die einzige Gemeinschaft, die ihm in diesem Leben wirklich Sicherheit gibt.

Wenn Sie durch Venedig gehen, überkommt Sie dann manchmal das Gefühl, dass nicht nur Brunetti, sondern auch die ganze Stadt Venedig eine Fiktion sein könnte?

Leon Sicher. Es gibt verschiedene Orte in der Welt, an denen ich lebte und dies schon gedacht habe. Zum Beispiel im Iran oder in Luxor. Da dachte ich oft: Wer kann so etwas bauen? Aber all das gibt es doch! Und in Venedig laufe ich durch das 15. Jahrhundert. Und all diese Dinge und Bauwerke wollen uns an etwas erinnern. Aber das wird in Venedig immer schwieriger.

Warum?

Leon Ach, die Stadt bekommt durch 30 Millionen Touristent mehr und mehr etwas von Disneyland. Außerdem sind die Kreuzfahrtschiffe eine Katastrophe für die Umwelt.

Werden Sie dann irgendwann doch noch erlauben, dass Ihre Krimis auch ins Italienische übersetzt werden? Weltweit wurden Ihre Bücher doch schon in 35 Sprachen übertragen, nur nicht ins Italienische.

Leon Das verspreche ich Ihnen: Zu meinen Lebzeiten wird das nicht geschehen. Wissen Sie, die Leute in Venedig sind nett zu mir und kennen meinen Namen. Aber die wenigsten wissen, was ich mache. Und ich möchte dieses ganz normale Leben in Venedig gerne einfach weiterführen.

Ist das Ihr Art Selbstschutz, um halbwegs unerkannt in Venedig leben zu können?

Leon Nicht nur. Die Menschen begegnen einem dann doch ganz anders, jedenfalls nicht mehr unverstellt. Jeder ist dann wahrscheinlich nur noch liebenswürdiger zu mir. Und dieses Leben möchte ich wirklich nicht führen müssen.

Was machen Sie eigentlich mit dem vielen Geld, das Sie mit ihren Bestsellern schon verdient haben? Es müssen mehrere Millionen sein.

Leon Na ja, ich fördere und unterstütze damit verschiedene Musikprojekte. Wissen Sie, ich habe genug Geld verdient. Und mit jetzt 74 Jahren bin ich in einer überaus beruhigenden, ganz und gar sorgenfreien Situation. Darum kann ich jetzt auch die Stellung eines Mentors und Förderers einnehmen. Ich kann jetzt etwas dorthin zurückgeben, was mir in meinem Leben am meisten Freude bereitet hat - das ist die Musik.

Was bedeutet Ihnen Geld überhaupt?

Leon Ich frage mich so oft, was wir alle eigentlich mit unserem ganzen Geld machen wollen? Lasst es uns doch weggeben: an Frauen, die Schutz brauchen oder an unsere hilfsbedürftige Nachbarn. Vielleicht klingt es ja auch verrückt für manche. Aber wirklich, wir brauchen all dieses Geld nicht. Mag sein, dass diese Einstellung ein Fehler ist. Aber ich glaube es nicht.

Quelle: RP
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