Bestsellerautorin: Donna Leon: "Ich habe immer gute Laune"
zuletzt aktualisiert: 13.07.2006 - 15:21München (rpo). Die erfolgreiche Krimiautorin Donna Leon schickt ihren Helden Commissario Brunetti seit 14 Jahren auf Mördersuche durch Venedig. In "Blutige Steine" geht es um den Mord an einem Straßenhändler und das Geschäft mit Rohdiamanten. Donna Leon, die in New Jersey aufwuchs, liebt die italienische Metropole. Mit fast 50 Jahren schrieb die große Opernliebhaberin dort ihr erstes Buch. Im Interview erzählt sie, warum sie manchmal die "bösen Jungs" verschont.
Sie haben viel von der Welt gesehen, warum haben Sie Ihr Herz an Venedig verloren?
Wie bei vielen Dingen in meinem Leben war das einfach ein dummer Zufall. Vor 40 Jahren, als ich das erste Mal nach Venedig kam, hatte ich das Glück, Freundschaft mit zwei Menschen zu schließen, die dann heirateten und meine besten Freunde wurden. Als ich 1981 beschloss, mich endlich irgendwo niederzulassen, rief ich sie an und fragte, ob ich eine Zeit lang bei ihnen bleiben könne. Zwei Wochen später fand ich eine Wohnung. Ohne die beiden wäre ich heute wohl nicht in Venedig.
Fühlen Sie sich sicher in Venedig?
Die großen Verbrechen passieren in meinen Büchern. Wenn mal ein Mord geschieht, stammt der Täter fast immer aus dem direkten Umfeld des Opfers. Beim letzten Fall vor einem Jahr hat ein Mann seiner Frau den Kopf mit einer Flasche Barolo eingeschlagen.
Interessieren Sie solche Fälle auch für Ihre Arbeit?
Nein, solche Fälle sind für mich banal. Mich interessiert die echte Motivation, die jemanden dazu führt, etwas Böses zu tun.
Und die eigentlichen "bösen Jungs" kommen in Ihren Büchern dann oft davon.
Ja, weil es doch immer so ist. Ich habe zu lange in Italien gelebt, um darüber anders zu denken. Wer von den großen Leuten ist im Gefängnis, wer ist im Gefängnis? Es ist ein internationales Phänomen: Die großen Fische kommen davon, die kleinen Leute gehen ins Gefängnis.
Brunetti scheint in Ihren Büchern nahe, daran zu verzweifeln. Gilt das auch für Sie?
Nein, in dieser Hinsicht bin ich ein schizophrenes Opfer meiner glücklichen Gene. Intellektuell gesehen bin ich zynisch, pessimistisch, habe eine düstere Sicht der Welt - nicht aber, was meine Persönlichkeit angeht. Ich wurde in eine glückliche Familie hineingeboren, mit glücklichen Menschen, und ich hatte ein glückliches Leben. Ich habe immer gute Laune. Es ist sehr schwierig für Menschen, die nicht so sind, mit mir zusammen zu sein.
Sie lehnen es weiter ab, Ihre Bücher ins Italienische übersetzen zu lassen, angeblich weil Sie unerkannt leben wollen.
Ich weiß, dass die Leute sehr argwöhnisch sind, was das angeht. Ich merke, dass manche mir das nicht glauben. Sie denken, dass ich Angst vor der Mafia habe oder so - aber das ist nicht so. Ich will einfach nur nicht berühmt sein. Ruhm hat keine große Anziehungskraft auf mich. Berühmte Menschen werden anders behandelt, das will ich nicht.
Für die Touristen gibt es dafür inzwischen schon Brunetti-Touren in Venedig.
Ja, aber da wasche ich meine Hände in Unschuld. Damit habe ich nichts zu tun.
Haben Sie sich so eine Tour noch nie aus Neugier angesehen?
Nein, ich bin wie ein Leguan. Ich lege das Ei und gehe, bevor das Baby schlüpft. Ich sehe mir die Bücher nie mehr an, nachdem ich sie geschrieben habe. Erst kürzlich habe ich gemerkt, dass ich von den meisten gar kein Exemplar daheim habe. Als ich das aktuelle Buch auf Englisch brauchte, musste ich es kaufen gehen, weil ich alle verschenkt hatte.
Stimmt es, dass Sie beim Schreiben anfangs nicht wissen, was passieren wird?
Ich habe nicht die leiseste Ahnung.
Wie stellen Sie das dann an?
Ich habe Glück. Alles was ich brauche, ist eine Eröffnungsszene, das geschieht oft visuell, auch bei diesem Buch. Vor Jahren habe ich auf dem Campo Santo Stefano die Straßenhändler gesehen und sie zum ersten Mal wirklich aufmerksam wahrgenommen, die schönen großen schwarzen Männer. Da wusste ich, das wird ein Buch.
Wie lange wird Commissario Brunetti weitermachen?
Er wird weitermachen, so lange es mir noch Spaß macht. Alles andere wäre nicht ehrlich. Momentan schreibe ich an Band 17, darin geht es wahrscheinlich um religiösen Kult.
Und nach Brunetti würde es auch keine anderen Bücher mehr geben?
Ich denke ernsthaft darüber nach, ein Kochbuch zu schreiben oder eher ein Buch über das Essen. Weil ich ja keine Italienerin bin, würde ich aus der Sicht einer Außenstehenden über das italienische Essen schreiben.
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