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Jörg Isringhaus Panorama Andreas Krebs
  Foto: RP, Andreas Krebs
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Buch-Kritik "Unter Mördern": Ein Politthriller der Nazi-Zeit

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 15.03.2010 - 10:05

Düsseldorf (RP). "Unter Mördern" heißt der Roman von Jörg Isringhaus – das Debüt eines Kollegen aus unserer Redaktion. Erzählt hat er eine spannende, mitunter gewalttätige Agenten-Geschichte wenige Tage vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

"Unter Mördern" erscheint im Verlag Rütten & Loening.  Foto: RP
"Unter Mördern" erscheint im Verlag Rütten & Loening. Foto: RP

Man schläft deutlich schlechter nach diesem Buch. Merkwürdige Träume zudem. Aber Leser wissen, dass das kein fieser Befund ist, sondern bloß die Nebenwirkung jener Literatur, die uns dicht auf die Pelle rückt und mit Ungeheurem bedrückt. Denn auch das ist dieser Roman – unheilvoll und in seiner Gewalttätigkeit wahrlich direkt, das Panorama der fürchterlichen Zeit kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Man könnte also wegschauen oder das Buch zur Seite legen. Dass man es nicht tut, auch gar nicht tun kann, liegt an seiner Qualität.

„Unter Mördern“ ist ein literarisches Debüt; ein besonderes, vor allem wegen seiner Güte, aber nicht nur. Ein Kollege hat es nämlich geschrieben, Jörg Isringhaus (49) aus unserer Reportage-Redaktion, nach intensiver eineinhalbjähriger Recherche- und Schreibarbeit. Unglaublich. Kaum einer wusste von dieser „Nebentätigkeit“ an einem anderen Schreibtisch, ein gehöriger Kraftakt müssen die knapp 400 Seiten gewesen sein, der wohl nur zu stemmen ist, wenn dieser zeitweilig zur Obsession wird. Es ist der Antrieb der meisten Autoren: Sie schreiben nicht, nur weil sie es wollen, sondern weil sie nicht anders können, als die Welt und ihr Treiben in Geschichten zu verpacken.

„Unter Mördern“ ist ein Polit-Thriller aus den letzten scheinbaren Friedenstagen des Jahres 1939. Bevor eins der größten Dramen der Menschheitsgeschichte losbricht mit Millionen von Toten, versucht der schwedische Unternehmer Birger Dahlerus Frieden zu stiften. Ein Don Quijote? Ein Eulenspiegel? Oder vielleicht einer der Letzten, die an das Gute glauben und nicht akzeptieren können, dass die Welt in Schutt und Asche fällt? Dahlerus hat es tatsächlich gegeben, einen Mann mit guten Kontakten zu Göring, zur englischen Regierung.

Das ist der wenig bekannte, historische Kern des Thrillers. Der Rest ist allerbeste Fantasie. Etwa die Erfindung von Hitlers Sohn, Adolf jr., der in einem Akt zum vermeintlichen Wohl der Volksgemeinschaft gezeugt, aber Mitte der 30er Jahre nach England entführt wird – von dem deutschen Überläufer Richard Krauss. Im Grunde ein übler Bursche, der wie sein Bruder Edgar der noch übleren Nazi-Organisation „Odins Söhne“ angehörte.

Aber Richard kehrt zurück, soll Hitler liquidieren, wird in Berlin geschnappt, in einem Verlies namens „Auerbachs Keller“ gefoltert, wieder befreit, findet in Oda eine hübsche Komplizin, mordet, kämpft ums Überleben und wird in ungünstigen Momenten von einer alten Schussverletzung an der Wirbelsäule gepeinigt. Man erwischt sich, wie man mit diesem Krauss manchmal sympathisiert.

Man lernt, dass die 22er Walther PPK mit Schalldämpfer recht handlich und gut geeignet für Spezialeinsätze ist; man irrt mit ihm durch pechschwarze Bunkergänge in Görings Villa; man ist bei einer Verfolgungsjagd und einem High Noon auf einer Straße mitten in Berlin dabei. In der Kälte und der Beiläufigkeit des Mordens steckt das Grauen dieser Handlung. So viele Tote. „Unter Mördern“ nimmt seinen Titel erschreckend wörtlich, ein Inferno, das doch überschaubar bleibt im Vergleich mit jenem Weltenbrand, der noch folgen soll. Der Roman nimmt in seiner ganzen Grausamkeit das Unheil des Zweiten Weltkriegs im kleinen Maßstab vorweg.

Alle Figuren werden zu Rädchen der Geschichte: Krauss, der Killer, in Friedenszeiten vielleicht eine Art 007, Göring, der barocke Gemütsmensch, in dem eine Bestie schlummert, Dahlerus, selbstloser Idealist, Hitler, dessen Worte, wie es einmal so schön heißt, dumpf in den Raum fielen und „wie stinkende Fladen“ liegen blieben. Wir kennen den welthistorischen Ausgang dieser Geschichte, doch es fasziniert nach wie vor, wenn Vergangenheit Gestalt annimmt, körperlich und tätig wird.

Die entfesselte, nackte Brutalität ist darum auch nicht Selbstzweck des Romans. Sie zeigt die Perversität von Gewalt und macht die Ideologie des Bösen erfahrbar. In diesen Momenten, in denen das Grauen schwer zu ertragen ist und man zu ahnen beginnt, dass dies der Wirklichkeit vermutlich nahe- kommt, erinnert der Roman von Jörg Isringhaus mitunter an Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“.

Diese paar Tage vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sind der Prolog zur Hölle. Und das geschickte Flechtwerk aus verschiedenen Orten, Handlungssträngen und Personen verstrickt den Leser heillos in diese Zeit. Auch darum stellt sich nicht die Frage, ob das Buch zu viel Gewalt schildert. Kein wirklich guter Roman erzählt eine Moral, sondern immer nur eine Geschichte, aus welcher der Leser als ein anderer heraustritt als der, der eingetreten ist.

„Unter Mördern“ darf kein Einzelwerk bleiben. Weil der Thriller Lesestunden bereitete, die ungemütlich waren, spannend, nachwirkend. Chapeau, lieber Kollege.


 
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