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Wigald Boning im Interview
"Einkaufszettel sind ein tolles Stück Literatur"

Wigald Boning im Interview: "Einkaufszettel sind ein tolles Stück Literatur"
Auf den Zettel gekommen: Wigald Boning. FOTO: dpa, Ursula Düren
Der Komiker, Moderator und Autor Wigald Boning (46) sammelt seit 14 Jahren Einkaufszettel. Seine Erkenntnisse hat er jetzt im Buch "Butter, Brot und Läusespray" launig zusammengefasst. Seine unscheinbaren Zettel dienen als Vorlage für verrückte und anrührende Geschichten.

Glauben Sie, dass sich von Frauen oder Männern verfasste Einkaufslisten unterscheiden?

Boning Oh ja. Da gibt es deutliche Unterschiede. Man erkennt unwillkürlich einen Unterschied in der Handschrift, den ich mir nicht genau erklären kann. Man schaut auf einen Zettel, und man scheint intuitiv zu wissen, ob er von einem Mann oder eine Frau betextet wurde. Ich glaube, das geht auf die Zeit in der Schule zurück, als man vom Sitznachbarn abgeschrieben hat. Schon die Handschrift ist verräterisch. Aber natürlich gibt es auch andere Indizien: Wenn einer Rasierer, Bier und Baulatten einkauft, handelt es sich eher um einen Männereinkauf.

Die Nahrungskombination etwa ist bei Männern anders als bei Frauen.

Boning Wenn auf dem Zettel beispielsweise dreimal "Fleisch" und daneben noch Grillkohle und Bier stehen, würde ich eher mal auf einen Mann tippen. Aber ich kann daneben liegen, das sind ja alles nur Theorien.

Wie schwierig war das für Sie, die Handschriften zu entziffern?

Boning Man stößt sehr selten auf komplett unleserliche Handschriften. Ich glaube, dass das mit einem Phänomen zusammenhängt, dass ich in einem Fachbuch über Handschriften gelesen habe. Man schreibt unleserlich vornehmlich nicht für sich selbst, sondern für die anderen. Einkaufzettel werden ja geschrieben in der Annahme, dass man selbst der einzige Leser ist. Schon beim Tagebuch denkt man ja, dass es mal die Enkel lesen. Man schreibt, man gibt sich anders. Einkaufszettel enthalten die einzige Literatur, die nur für sich selbst verfasst ist. Deshalb macht es auch keinen Sinn, unleserlich zu schreiben.

Wann hat das eigentlich angefangen mit den Zetteln?

Boning Im Herbst 1999. Ich ging in einen Supermarkt, wo ich mich mit dem Leiter angefreundet hatte. An diesem Tag sprachen wir über Einkaufszettel. Ein paar Tage später hat er mir ein paar von ihm gesammelte Zettel überreicht, das war der Grundstock. Die lagen dann eine Weile in der Schublade. Nach einiger Zeit stellte ich fest, dass auf einem Zettel ein Telefon mit Wählscheibe abgebildet war. Mittlerweile hatten sich aber Tipp-Telefone so komplett durchgesetzt, dass ich erahnte, um was für einen zeitdokumentarischen Schatz es sich handelt. Und da beschloss ich, Einkaufszettel zu sammeln.

Gab es auch eine inhaltliche Initialzündung, einen Zettel, der Sie besonders begeistert hat?

Boning Das kann ich ziemlich genau sagen. Ein von einem Mann geschriebener Zettel, der mit "Getränke" beginnt, dann kommt lange nichts – und dann steht da: "Maggi, Blumenerde, graue Hose, Brötchen". Gewundert habe ich mich zunächst über die große Lücke. Sollte da später noch was rein? Nein. Der Durst steht bei dem Mann an erster Stelle. Dazu handelt es sich um einen Blumenfreund, der sich selbst betont schlicht kleidet, um die Blüten schöner erscheinen zu lassen, darum die graue Hose. Ein Mann, der sich auch sonst aus leiblichen Genüssen nicht so viel macht , Maggi reicht zum Würzen des Brötchens aus. Das machte mir klar: Das ist ein interessantes Stück Literatur, das muss jetzt durchforscht werden.

Weitere Höhepunkte?

Boning Schön ist es, wenn großartige romantische Liebeserklärungen zwischen den Zeilen oder explizit zu lesen sind. Mein Klassiker: Eine Frau für einen Mann schreibt "Drei Bier (mehr nicht!!!)". Darunter steht: "Ich liebe dich für immer mein Schatz". Eine so treu sorgende Natur, die sich da entpuppt, da schmilzt man als Leser förmlich dahin.

Wie haben Sie denn Ihren Fundus über die Jahre erweitert?

Boning Es beginnt mit den Rabatten, die den Parkplatz vor einem Supermarkt umschließen. Als nächstes kommen die Einkaufswagen dran. Dann suche ich, wenn nicht ganz so viel Betrieb ist und mir der Filialleiter nicht sofort Hauverbot erteilt – was schon passiert ist – die Mülltonnen durch. Ich bekomme außerdem Zettel zugeschickt, auch historische aus den 50er und 60er Jahren.

Wenn einzelne Listen etwas über den Autor aussagen, was sagt Ihr Fundus über unsere Gesellschaft?

Boning Tja, das ist jetzt eine gute Frage. Über die Gesellschaft insgesamt eher wenig. Über Teile vielleicht. Wenn einer Wassergläser und Straußenfederstaubwedel aufschreibt, wie ich es in Köln vor einem Manufaktum-Laden einmal gefunden habe, dann ist das ganz was anderes, als wenn jemand Bier, Schmerzmittel und Schaumfestiger notiert. Oder Salbe gegen Prellung, die, wie ich herausgefunden habe, gar keine Salbe gegen Prellung ist, sondern gegen Neurodermitis. Eine Woche später notiert er auf einem neuen Zettel Bier, unterstreicht das fünfmal und setzt acht Ausrufezeichen. Das ist große menschliche Tragik. Um die Bandbreite der Gesellschaft darzustellen, eigenen sich diese Zettel in der Tat gut. Der Einkaufzettel als Phänomen insgesamt ist aber jetzt keine Glorifizierung des Konsumlebens.

Sie sammeln auch Nasenhaarschneider. Vielleicht schreiben Sie ja als nächstes Buch die Kulturgeschichte der Nasenhygiene auf.

Boning Ja, Nasenhaarschneider sind auch interessant, aber absolut nicht mit Einkaufszetteln zu vergleichen. Das sind einfach formschöne technische Objekte. Mir macht es Spaß, ein Abbild der technischen Epoche mit Hilfe dieses doch recht schwachsinnigen Produkts darzustellen. Was es darüber zu sagen gibt, passt aber auf drei Din-A-4-Seiten, da kann man kein Buch drüber verfassen (lacht).

J. ISRINGHAUS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

(RP/csi/pst)
 
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