Bekanntgabe der schwedischen Akademie: Elfriede Jelinek erhält Literatur-Nobelpreis
zuletzt aktualisiert: 07.10.2004 - 18:16Stockholm (rpo). Der Literatur-Nobelpreis geht in diesem Jahr an Elfriede Jelinek. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Jelinek ist die zehnte Frau, die sich über diese Auszeichnung freuen kann.
Die Schwedische Akademie der Wissenschaften würdigte mit ihrer Entscheidung am Donnerstag in Stockholm "den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen" in den Romanen und Dramen der österreichischen Schriftstellerin. Mit "einzigartiger sprachlicher Leidenschaft" habe sie "die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees" offen gelegt.
Jelinek ist seit der polnischen Dichterin Wislawa Szymborska im Jahr 1996 die erste Frau, die mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wird. Seit der ersten Preisverleihung 1901 haben erst neun Frauen die renommierteste Auszeichnung der literarischen Welt erhalten. Unter den 18 auf Lebenszeit ernannten Mitgliedern der Schwedischen Akademie sind nur vier Frauen.
Zu den bekanntesten Werken Jelineks gehört der Roman 1983 erschienene Roman "Die Klavierspielerin", der vor drei Jahren verfilmt wurde. Mit dem Roman "Die Kinder der Toten" (1995) und seiner scharfen Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in Österreich stellte sich Jelinek in eine Linie mit Literaten wie Karl Kraus, Ödön von Horvath und Thomas Bernhard. Für ihr Theaterstück "Das Werk" erhielt sie in diesem Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis.
Zum Stil der Schriftstellerin erklärte die Schwedische Akademie, dieser schwebe oft "zwischen Prosa und Poesie, Beschwörung und Hymne". Geboren am 20. Oktober 1946 in Mürzzuschlag in der Steiermark, schlug Jelinek zunächst eine musikalische Laufbahn ein und studierte Kompositionslehre am Wiener Konservatorium. Später kamen Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte hinzu. Ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte Jelinek 1967 unter dem Titel "Lisas Schaffen". Unter dem Eindruck der Studentenbewegung folgten dann zunehmend gesellschaftskritische Texte, in denen sie soziale Ungerechtigkeit und männliches Machtdenken geißelte. Seit ihrer Heirat im Jahr 1974 lebt Jelinek abwechselnd in Wien und München.
Die Sprecherin des Rowohlt-Verlages, Ursula Steffens, zeigte sich hocherfreut: "Das ist wundervoll, wir freuen uns sehr, Frau Jelinek hat ein rundes und sehr engagiertes Werk", sagte Steffens. Die Entscheidung sei für sie völlig unerwartet gekommen. Rowohlt hat laut Steffens den Großteil von Jelineks Bücher verlegt und hält auch die Theaterrechte.
Der Preis wird am 10. Dezember verliehen, dem Todestag des Stifters Alfred Nobel. Er ist mit zehn Millionen Kronen (rund 1,1 Millionen Euro) dotiert. Allerdings wird Jelinek nach Informationen des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki den Literaturpreis nicht persönlich in Empfang nehmen. Sie hat dafür gesundheitliche Gründe angeführt, wie Reich-Ranicki am Donnerstag sagte.
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