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Interview mit Buchautor Emil Bobi
"Die meisten Preisträger haben den Friedensnobelpreis nicht verdient"

Emil Bobi / Friedensnobelpreis: "Die meisten Preisträger haben  es nicht verdient"
Emil Bobi hat in Stockholm und Oslo für sein Buch recherchiert, mit Preisträgern und Mitgliedern der Nobel-Organisationen gesprochen. FOTO: Ecowin Verlag/Andreas Hofer
Düsseldorf. Der Friedensnobelpreis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen der Welt. Der österreichische Journalist Emil Bobi hat in seinem jüngsten Buch hinter die Kulissen geschaut. Er sagt im Interview mit unserer Redaktion: Wenn jemand auf humanitärem Gebiet Großes geleistet hat, hat er noch lange nicht den Friedensnobelpreis verdient. Von Dana Schülbe

Herr Bobi, in Ihrem Buch "Der Friedensnobelpreis. Ein Abriss" vertreten Sie die These, dass viele Friedensnobelpreisträger den Preis gar nicht verdient haben – zumindest wenn es nach Alfred Nobel gegangen wäre. Warum?

Bobi Das geht ganz eindeutig und unmissverständlich aus den sehr klaren testamentarischen Formulierungen des Alfred Nobel hervor. So wie er es schreibt, ist es ein Preis für Abrüstung, für internationale Verbrüderung und für das Ausrichten von Friedenskongressen. Dementsprechend bekommt man den Eindruck, dass die meisten Preisträger den Preis eigentlich nicht verdient hätten. Wenn jemand in einem humanitären oder in einem ökologischen Bereich Großes und Wichtiges leistet, ist das schön, aber es trifft nicht die Kriterien des Friedenspreises.

1994 fiel die bislang vielleicht umstrittenste Entscheidung. Den Friedensnobelpreis teilten sich: Yasser Arafat, Yitzhak Rabin und Shimon Peres. FOTO: ap

Sehen Sie das nicht etwas zu eng?

Bobi Die Bedeutung dessen, was Friede ist, hat sich seit damals überhaupt nicht verändert. Es ist zwar richtig, dass ein weiter gefasster Friedensbegriff auch bedeutet, die Dinge zu berücksichtigen, die zu Kriegen führen – wie etwa das Fehlen von Menschenrechten, Bildung, medizinischer Versorgung. Aber Alfred Nobel hat eher alle anderen Preise in diese Richtung angedacht. Physik, Chemie, Medizin, selbst die Literatur sollten genau diese Bedingungen verbessern. Denn er war der Meinung, dass allgemeiner Wohlstand eine Grundbedingung dafür ist, dass Gesellschaften überhaupt friedensfähig werden. Daher sind alle seine Preise Friedenspreise, nur der Friedenspreis nicht. Er ist ein Preis für Abrüstung.

Im Jahr 2009 erhielt US-Präsident Barack Obama den Friedensnobelpreis. War er also die gänzlich falsche Wahl?

Bobi Das ließ er selbst in seiner Preisrede anklingen. Er sagte, es gebe Leute, die diesen Preis mehr verdienen. Er sagte, er führe zwei Kriege und könne als Präsident der Vereinigten Staaten gar nicht anders handeln. Barack Obama hat in Oslo eine glänzende Rede gehalten und man kann das als sicherheitspolitische Analyse praktisch Satz für Satz unterschreiben, aber er hat sich selbst für den Preis disqualifiziert, als er sagte, ein Friede sei nicht möglich.

Das Cover des Buches. FOTO: Ecowin Verlag

Was ist mit der EU, die den Preis 2012 erhielt für ihren Beitrag zur "friedlichen Entwicklung in Europa"?

Bobi In diesem Fall muss man etwas differenzieren. Die Ur-Idee, die zur Bildung der EU geführt hat, spiegelt das wider, was Nobel in seinem Testament genannt hat. Ob es bestimmte Repräsentanten in einem bestimmten Jahr sind, ist wieder eine ganz andere Frage...

Einer, der immer wieder als Favorit genannt wird, ist Helmut Kohl für seinen Beitrag zur Deutschen Einheit. Hätte er den Preis verdient?

Bobi Möglich wäre dies sicherlich gewesen, wenn man die Preispolitik des Komitees betrachtet, aber ob die Wiedervereinigung etwas mit Verbrüderung der Völker zu tun hat, müsste man diskutieren. Ich persönlich denke ohnehin, dass das vom Tisch ist, weil es inzwischen längst aktuellere Staatsmenschen gibt. Angela Merkel zum Beispiel, die in den vergangenen Tagen in den Medien als Favoritin genannt wurde.

Und wie sehen Sie das?

Bobi Ich bezweifle, dass es Favoriten gibt. Merkel selbst sagte sehr treffend, dass die Nobelpreise nicht von den Medien vergeben werden. Ganz auszuschließen ist sie aber nicht als Kandidatin, obwohl auch sie nicht die Kriterien erfüllt. Aber so war die Politik des Preiskomitees seit jeher. Würden die Preisträger die Kriterien erfüllen, wäre der Preis viel weniger attraktiv – und das kann man sich nicht leisten.

Fotos: Die Nobelpreisträger 2016 FOTO: afp

Wie bewerten Sie denn die Vergabepraxis insgesamt?

Bobi Dieser Preis genießt seit jeher globales Ansehen. Es steht nur die Frage im Raum, ob die Vergabepraxis auch legal ist, also ob sie dem Stiftungszweck entspricht. Hat etwa eine Malala, die Preisträgerin von 2014, eine Armee abgeschafft? Wenn das ein unabhängiges Gericht entscheiden müsste, dann kennen wir die Antwort jetzt schon.

Und die anderen Nobelpreise? Entsprechen die den testamentarischen Kriterien des Stifters?

Bobi Es gibt kaum öffentliche Kritik außer beim Literaturpreis. Auch in der wissenschaftlichen Welt gibt es eigentlich eine breite Zustimmung für die wissenschaftlichen Preisträger. Da scheinen also wirklich Experten zu sitzen, die sich auskennen. Sie erfüllen das Testament aber auch nicht in jedem Detail, denn Nobel schrieb: Wer im abgelaufenen Jahr das Beste und Größte geleistet hat, sollte den Preis bekommen. Dies umzusetzen, ist aber praktisch nicht mehr möglich, weil man einfach abwarten muss, bis sich eine wissenschaftliche Leistung auch wirklich objektiv bestätigt hat. Und das dauert manchmal sehr lange.

Brauch es einen solchen Preis unter diesen Umständen überhaupt noch?

Bobi Ich habe überhaupt kein persönliches Problem mit dem Friedenspreis. Aber ich denke schon, dass man Nobels Testament genauso behandeln sollte wie alle anderen Testamente auch.

Gibt es Dinge, die Sie konkret ändern würden?

Bobi Nein, aber es gibt im Buch einige Vorschläge von anderen Leuten. Diese sagen etwa, dass das Preiskomitee, welches die Preisträger bestimmt, mit internationalen Experten besetzt werden sollte. Denn tatsächlich sitzen da Parteiideologen drin. Da drin sitzen die Parlamentsparteien, die auch die Sicherheitspolitik des Landes Norwegen vertreten. Und Norwegen ist ein Nato-Mitglied, das eine militärische Sicherheit mit großen starken Partnern wie den USA haben will. Das ist alles legitim, aber das hat nichts mit dem Friedenspreisgedanken des Alfred Nobel zu tun.

Mit Emil Bobi sprach Dana Schülbe.

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