| 18.00 Uhr

Enid Blyton
"Hanni und Nanni" werden 50

Buchcover: Hanni und Nanni werden 50
Buchcover: Hanni und Nanni werden 50 FOTO: Egmont Verlag
Düsseldorf. Dank Enid Blytons "Hanni und Nanni" träumten Generationen von Mädchen sich mit den Zwillingen auf den Lindenhof. Internatsgeschichten faszinieren, weil sie in eine behütete Welt führen, in der es abenteuerlicher und gerechter zugeht. Das galt schon vor Harry Potter. Von Dorothee Krings

Ach, wie gern wäre man einmal mitgefahren auf den Lindenhof, in das gemütliche Internat im Grünen, in dem eine Hausmutter nach dem Rechten sieht, die gestrenge Französischlehrerin statt Mademoiselle liebevoll Mamsell genannt wird und die Abenteuer immer ein gutes Ende nehmen. Denn damit beginnen die Geschichten von "Hanni und Nanni" ja immer: Die Zwillinge packen im trauten Heim ihre Köfferchen und malen sich schon aus, was sie mit ihren Freundinnen erleben werden. Da wollte man dabei sein, fern vom Elternhaus und der eigenen, allzu gewöhnlichen Schule. Einmal mit den Zwillingen aus dem Schlafsaal schleichen zur Mitternachtsparty auf dem Speicher - drei Seiten gelesen, und man war dabei.

Vor 50 Jahren erschienen in Deutschland die ersten Bände der Internatsgeschichten mit den Sullivan-Zwillingen. Erfunden hat sie die britische Autorin Enid Blyton (1897-1968), die selbst als Mädchen ein Internat besuchte und viele der harmlosen Streiche, die sie in ihren Kinderbüchern ausmalt, selbst erlebt haben soll. Blyton schrieb in ihrem Leben mehr als 750 Bücher und zählt zu den kommerziell erfolgreichsten Jugendbuchautoren der Welt. Sie wusste Kinder zu fesseln, doch hohe Kunst ist "Hanni und Nanni" nicht. Entsprechend frei verfuhren die ersten Übersetzer mit der Vorlage, übertrugen nicht nur die Worte ins Deutsche, sondern machten aus den irischen Zwillingen Patricia und Isabel O'Sullivan und einem streng anglikanischen Internat der 1940er Jahre zwei sehr deutsche Backfische in einem gemütlichen Landschulheim der 60er Jahre. Hanni und Nanni waren wie ihre Leserinnen, nur schlauer, lustiger, selbstständiger. Wie sie wollte man sein.

Jeder Band aus ihrem Leben erzählt etwa ein Schuljahr. Meist gibt es einen Neuzugang, irgendein schüchternes Mädchen, dessen Mutter schwer krank ist und das sich in der neuen Umgebung gar nichts traut. Doch dann wird Theater gespielt oder sonst etwas unternommen, bei dem die Außenseiterin zeigen kann, was wirklich in ihr steckt. Hanni und Nanni helfen dabei, sie sind ja die beliebtesten Mädchen der Schule. Und haben einen Sinn für Gerechtigkeit.

Internatsgeschichten sind so beliebt, weil sie in eine behütete und doch abenteuerliche Welt entführen. Kinder verlassen den Schutzraum ihres Elternhauses, bestehen Herausforderungen unabhängig und leben in einer Gesellschaft unter Kindern, in der eigene Regeln gelten: Streiche und Mutproben stehen hoch im Kurs, Petzen ist verboten, doch selbst die Streber und Anschwärzer der Klasse entpuppen sich bisweilen als ganz nett. Dann nimmt die Gruppe sie auf, dann sind sie Teil der Klasse. Bei Hanni und Nanni liegt die Internatswelt noch nah an der Alltagswirklichkeit. Die Mädchen spielen Handball, hören Platten, und wenn sie krank werden, gibt es auf der Krankenstation Arznei. Ihre Spannung schöpfen die Geschichten aus der Gruppendynamik im Internat: Anführer, Außenseiter, Jammerlappen, die Rollen sind schlicht skizziert bei Enid Blyton, die Konflikte überschaubar, die Lösung ist glatt. Doch gerade darum funktionieren die Geschichten. Und die Auftragsschreiber, die nach Blytons Vorbild viele Nachfolge-Bände verfassten, blieben beim bewährten Muster. Erst bei Harry Potter sollte die Internatswelt auch eine fantastische werden, sollten Zauberkräfte und all die Rituale des magischen Elite-Internats die Fantasie der Leser beflügeln und Sehnsüchte befriedigen. Hanni und Nanni werden noch in den Lindenhof geschickt, weil die Eltern keine elitäre Schule für ihre Kinder wünschen. Zumindest in der deutschen Fassung. 1965 mussten sie noch keine Auserwählten sein, die sich von den anderen abhoben, es zählten andere Ideale: Die Mädchen sollten in ihrer Klasse für Gleichheit und Gerechtigkeit einstehen und den Schwachen helfen.

Der zusätzliche Anreiz ihrer Geschichte ist das Zwillingsein. Durch ihre Ähnlichkeit können Hanni und Nanni die Lehrer foppen und sind schon qua Geburt etwas Besonderes. Zwillinge beflügeln die Fantasie: Man kann sich ausmalen, wie es wäre, wenn man selbst ein zweites Ich an der Seite hätte. Wie es wäre, einem anderen Menschen bis aufs Haar zu gleichen. Außerdem verkörpern Hanni und Nanni zwei Temperamente: die Wilde und die Vernünftige, das Ich, das riskiert, und das Ich, das seine Grenzen kennt. Die Prinzipien ergänzen einander. Gemeinsam sind die beiden unschlagbar.

Vor allem aber sind Zwillinge im Internat nie allein. Anders als etwa Blytons berühmte Mädchenfigur "Dolly", die sich auf dem Burginternat Möwenfels erst mal Freunde verschaffen muss, droht Hanni und Nanni niemals Einsamkeit. Der Abschied von daheim, die Ankunft in der neuen Gruppe, all das trifft junge Leser weniger hart, wenn sie sich ausmalen können, dass zwei Kinder ja immer noch einander haben, dass sie ein Stück Familie mit sich nehmen - in der Zwillingsschwester.

Darum kam nie Wehmut auf, wenn Hanni und Nanni ihre Koffer packten und sich aufmachten zum Lindenhof. Sie würden auch in diesem Jahr wieder lustige Dinge anstellen, ihre Lehrerin mit einer Katze im Handarbeitsschrank erschrecken und Theater spielen. Heile Welt. Und heile Zeit, als man sich hineinträumte.

Quelle: RP
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