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Frankfurter Buchmesse: Espresso mit Donna Leon

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 06.10.2006 - 20:58

Frankfurt/Main (RP). Sollen doch andere die Messehallen verstopfen! Donna Leon, Krimi-Königin mit mehrfacher Millionenauflage, empfängt ihre Gäste lieber im Frankfurter Palmengarten. Eine Begegnung am Rande der Buchmesse.

Schuld seien nur die Espressi an diesem Morgen, sagt Donna Leon. Aber was heißt „nur“? Die 64-jährige Amerikanerin wirbelt umher, wie es ihrem Commissario Brunetti nie in den Sinn käme. Wie eine Italienerin wirkt sie in diesen leichten Momenten, verteilt leichte Buffe auf den Arm ihres Gesprächspartners, wenn sie etwas betonen will. „So ist es doch, oder?“, fragt sie fordernd. Mag sein. Dafür gibt es dann wieder einen Buff, der insgeheim den Vorsatz reifen lässt, beim nächsten Mal einfach Ja zu sagen.

Auf dem Messegelände ist Donna Leon kaum anzutreffen. Sie residiert lieber im Frankfurter Palmengarten. Von dort wirken die klotzigen Messehallen wie Flugzeug-Hangars, in denen zufällig Bücher abgeladen wurden. Der Park ist ein stiller, fast bukolischer Ort. Abseits des Rummels wirkt Donna Leon, deren kürzlich ausgelieferter Brunetti-Krimi „Blutige Steine“ schon 250.000 Mal verkauft wurde, ziemlich zufrieden - mit sich, der Welt und irgendwie auch ihren Espressi. Brunetti könnte am Nebentisch sitzen und halblaut über seine Tochter klagen.

Der Palmengarten verrät etwas von Donna Leons Welt: Sie besitzt kein „Telefonini“ und beteuert, sie könne damit gar nicht umgehen. Sie hat auch keinen Fernseher und findet solche Geräte fürchterlich. Daheim in Venedig bedient sie ein altersschwaches Notebook, ohne große Kenntnisse zwar, dafür aber mit Robertos Beistand. Tja, Roberto ist Informatiker und scheint nur auf der Welt zu sein, um einer in Venedig lebenden Autorin mit einem Werk in mehrfacher Millionenauflage immer wieder die paar Grundschritte der Textverarbeitung zu vermitteln. Sie spricht oft mit Roberto, und weil man irgendwie fassungslos dreinschaut, gibt sie solidarisch die Telefonnummer weiter: „2722327“. Oh, danke. „Für alle Fälle.“ Natürlich.

Der graue Morgenhimmel über Frankfurt provoziert die Frage, ob Guido Brunetti einmal sterben werde. „Nein, niemals.“ Warum denn das nicht? „Ich will ihn nicht töten, weil ich ihn viel zu sehr mag. Er trinkt nicht zu viel. Er hat keine Affären. Er wechselt täglich seine Unterwäsche. Ein netter Mann.“

Brunetti ist freilich kein Superhirn, in „Blutige Steine“ muss er den Mord an einem Afrikaner sogar ungeklärt abschließen, weil die große Politik plötzlich mitmischt und Venedig klein werden lässt. Aber Brunetti sei glücklich, sagt sie, mitunter etwas melancholisch, aber doch einer, der den Alltag adelt, ein Familienmensch, der seit 14 Büchern gutes Essen schätzt und den Grappa danach.

Auch von der Liebesehe mit Paola schwärmt Donna Leon, die selbst das Alleinsein über alles liebt und sich nach ein paar Frankfurter Tagen wieder in ihre venezianische Schreibstube träumt - für den neuen „Brunetti“, der wie alle anderen auch ohne Plan, aber mit präzisem Tempo entsteht: „Jeden Tag eine Seite, das macht jedes Jahr ein neues Buch.“ Es gibt kompliziertere Rechnungen.

„Ob wir noch Espresso trinken sollen?“ Vielleicht lieber nicht, weil ... „Herr Ober, zwei Espressi bitte.“ Jedes Jahr eins, das klingt doch nach Fluch oder wenigstens Fließbandarbeit. „Ach was, es gibt Menschen, die machen Stühle oder Tische, ich schreibe Romane.“ Bücher für Millionen von Menschen, ausgenommen die Landsleute von Commissario Brunetti.

Denn Donna Leon erlaubt keine Übersetzung ihrer Bücher ins Italienische. Nein, niemals werde sie ihre Zustimmung geben, weil sie in ihrem Venedig so leben will, wie sie es seit 25 Jahren liebt: unerkannt.

Das würde sich mit einem Nobelpreis rapide ändern, allerdings ist eine solche Enttarnung nicht zu befürchten. Wer wird es stattdessen? Donna Leon hat drei Tipps: Margaret Atwood, Margaret Atwood und Margaret Atwood. Jetzt soll man wahrscheinlich wählen, als sie forsch und forschend zurückgibt: „Und Ihr Kandidat?“ Och, und dann rutscht es heraus: Salman Rushdie. „Wie bitte? Salman Rushdie?“ Es könnte nun durchaus handgreiflich werden. Aber Donna Leon schweigt diesmal. Und mit dem Talent fürs Dramatische verbirgt sie ihr Gesicht in beide Hände und murmelt: „Bis auf wenige Bücher hat der doch auch viel Mist geschrieben. Immer nur diese politischen Entscheidungen. Rushdie, oh je.“

Der Schock ist bald überwunden, und Donna Leon hat wieder eine Idee. „Sollten wir noch einen Espresso trinken?“ Nein. „Herr Ober!“


 
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