Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt verliehen: Esterhazy: Literatur hat auch Grenzen
zuletzt aktualisiert: 10.10.2004 - 14:38Frankfurt/Main (rpo). Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den Ungarn Peter Esterhazy. Die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung erhält Esterhazy unter anderem für sein Werk "Harmonia Caelestis" und die dazugehörige "Verbesserte Ausgabe" über die Geschichte seiner Familie. In der Frankfurter Paulskirche hat er am Sonntag in seiner Laudatio die Grenzen von Literatur aufgezeigt.
"Die Literatur ist kein Haustier, sie ist nicht gezähmt", sagte er in Frankfurt am Main. Zugleich erinnerte er an die Pflicht der Vergangenheitsbewältigung. Laudator Michael Naumann hob den Beitrag Esterházys selbst dazu hervor: Der 54-Jährige hatte in seinem Roman "Harmonia Caelestis" die Spitzeltätigkeit seines Vaters für die kommunistische Regierung thematisiert.
Man könne die Literatur nicht einfach unmittelbar benutzen, sagte Esterházy, "obwohl man ständig in Versuchung ist, ...sie sich als eine Brücke zwischen den Völkern und Kulturen vorzustellen, als würden zwei Völker, die auf den Bücherregalen dieselben Bücher haben, einander nicht umbringen". Die Literatur gehöre nicht zur Rechtmäßigkeit oder Toleranz, sondern zur Leidenschaft und zur Liebe. "Die Literatur ist kein Botschafter des Friedens", sagte er.
Bei der Vergangenheitsbewältigung sei Deutschland weiter als Ungarn, die deutsche Nationalerinnerung nenne "die eigene Verantwortung beim Namen", erklärte der Preisträger. Im Ungarischen gebe es nicht einmal ein Wort dafür. "Die Probleme...kehren wir unter den Teppich, und gleich darauf weisen wir die Unterstellung zurück, etwas unter den Teppich gekehrt zu haben. Was für ein Teppich, wir haben ja gar keinen, behaupten wir, den haben die Kommunisten gestohlen."
Die Deutschen hätten die eigenen Vergehen beim Namen genannt, "die eigenen Leiden haben sie nicht beim Namen genannt", sagte Esterházy. Es sei eine europäische Angewohnheit, die eigenen Missetaten durch die deutschen Missetaten zu verdecken. "Der Hass gegen die Deutschen ist Europas Fundament in der Nachkriegszeit", erklärte Esterházy, durch dessen Rede sich - ironisch - der Begriff "Keule" zog - eine Anspielung auf Martin Walser, der 1998 bei der Entgegennahme des Preises die seiner Ansicht nach weit verbreitete Tendenz, Auschwitz als "Moralkeule" zu instrumentalisieren, kritisiert hatte. Dies hatte damals einen heftige Streit ausgelöst.
"Experte des langsamen Sturzes"
Exkulturstaatsminister Naumann würdigte Esterházy in seiner Laudatio als "Experten des langsamen Sturzes". "Er will Anfänge erzählen, lauter Anfänge. Das Ende hat Zeit", sagte der "Zeit"-Herausgeber vor rund 900 Gästen in der Paulskirche, darunter Bundespräsident Horst Köhler, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und Bundesfinanzminister Hans Eichel.
Naumann beschrieb die Entstehungsgeschichte von Esterházys Roman "Harmonia Caelestis": Als er das Werk im Jahr 2000 vollendet habe, habe er von der Spitzeltätigkeit des Vaters noch nichts gewusst. Dies habe er erst später aus ungarischen Stasi-Unterlagen erfahren. Er hätte schweigen können, sagte Naumann, oder sein Buch zurückziehen. Aber er habe die Wahrheit gewählt. "In einer der schmerzhaftesten Übungen zeitgenössischer Literatur vertiefte sich der Autor in die Dossiers seines Vaters und legte eine 'Verbesserte Ausgabe' vor."
Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels gilt als Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse. Die Auszeichnung ist mit 15.000 Euro dotiert. Zu den früheren Preisträgern gehören Astrid Lindgren, Yehudi Menuhin, Siegfried Lenz, Vaclav Havel, Mario Vargas Llosa und Fritz Stern. Im vergangenen Jahr erhielt die amerikanische Autorin Susan Sontag den Preis.
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