Buch-Kritik: Eva Lia Wyss: Leidenschaftlich eingeschrieben
VON SONJA KOLB - zuletzt aktualisiert: 20.04.2006 - 11:13Liebste, Du bringst mich um den Verstand... Ob Liebesbriefe heute als E-Mail oder mit Füllfeder auf Büttenpapier Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben wurden - die Botschaft ist oft gleich. Ungewöhnliche und gewöhnliche Versuche, einem geliebten Menschen seine Gefühle mitzuteilen, hat Eva Lia Wyss unter dem Titel "Leidenschaftlich eingeschrieben" gesammelt. 6.000 Liebesbriefe aus den letzten 100 Jahren erzählen ihre eigene Geschichte.
Die Herausgeberin hat die Briefe aufgeteilt in verschiedene Kapitel, sie reichen vom Schulschatzbrief, der von Freundinnen oder Freunden dem/der Angebeteten zugesteckt wird, bis zur SMS oder E-Mail. Es gibt die Briefe zwischen heimlich Liebenden, die eine Affäre haben, Liebesbriefe von Männern, die Militärdienst leisten müssen und sich nach ihrer Frau sehnen, förmliche Briefe von Verehrern, die ein Fräulein nur wenige Male beim Kirchgang sehen und Briefe von mutigen Frauen, die ihre Liebe gestehen oder offen eine Absage erteilen.
Ob die Briefe 100 Jahre alt sind oder erst vor fünf Jahren geschrieben wurden, ob auf Maschine, von Hand oder auf dem Computer, die Botschaft ist immer dieselbe: Ich liebe Dich, liebst Du mich auch, liebst Du mich noch immer, gehörst Du mir allein, bist du mir treu.
Darum dreht sich alles: Suche nach Sicherheit, Zweifel, Angst vor Zurückweisung und nicht wieder geliebt oder gar ausgelacht werden. Flirt, Abenteuer und Provokation sind die Inhalte über die Jahrhunderte. Schmetterlinge im Bauch und Tränen der Enttäuschung sind am Ende des Jahrhunderts die gleichen wie am Anfang. Sogar die Sexualität, die körperliche Sehnsucht der Briefeschreiber/innen hat sich nur unwesentlich verändert im Laufe des Jahrhunderts.
Früher war die Rede von Nein sagen, von Warten und sich beherrschen. Heutzutage sind die Briefe freizügiger, schaffen virtuelle Sexualität, behalten aber doch eine gewisse Verschämtheit. Immerhin: Lippenstiftküsse und Haarlocken begleiten schon mal einen Brief. Und E-Mail-Liebesbriefe - oft während der Arbeit geschrieben - zeichnen sich durch besonderen Stress aus.
Liebesbriefe werden geschrieben in einer Sprache, die öffentlich ist, aber ganz Privates ausdrücken soll, schreibt Wyss. Der Liebesbrief soll nicht nur eine gute Note erhalten, er soll verführen, für sich einnehmen, Vertrauen schaffen oder sogar erregen. Jeder wünscht sich, dass sein Brief einmalig ist, aber er kann es nicht sein, weil die Sprache allen eigen ist. Das Fazit der Herausgeberin: Der Liebesbrief versagt vor der Forderung der Originalität. Und trotzdem ist jeder der vorliegenden Briefe einmalig schön und lesenswert.
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