Buch-Kritik: Eva Weissweiler: Die Freuds
VON ISABELLE DE BORTOLI - zuletzt aktualisiert: 11.05.2006 - 12:12Sein Name ist auf der ganzen Welt bekannt, seine Theorien sorgen noch heute für Diskussionen. Er ist der Begründer der Psychoanalyse: Sigmund Freud. In ihrem Werk "Die Freuds" widmet sich Eva Weissweiler aber eben ausdrücklich nicht nur dem Familienoberhaupt, sondern seiner gesamten, sehr großen Familie.
Freud wurde im Jahr 1856 geboren, als erstes Kind der jüdischen Familie. Ihm folgten sieben weitere Geschwister, darunter fünf Mädchen. Die Autorin schildert das Zusammenleben der Familie, die schwierige finanzielle Situation und die Entwicklung der einzelnen Geschwister. Aber auch Sigmund Freuds Dominanz im Haus – er entscheidet, was aus den Schwestern wird, versucht, die Schwager auszuwählen und verbietet den Mädchen, einen Beruf zu lernen.
Ein Schema, das er auch auf seine eigenen Töchter übertragen wird. Freud heiratet Martha Bernays im Jahr 1886. Sie gebiert in rascher Folge sechs Kinder. Eine wirkliche Liebesbeziehung herrscht nicht zwischen den beiden. Freud beginnt eine Beziehung mit Marthas Schwester Minna – sie darf sogar bei den Freuds im Haus wohnen – ein schwerer Affront gegen seine Frau.
Seit dem Jahr 1880 arbeitet Freud an seinen Theorien. Eva Weissweiler schreibt auch von seinen Briefen an Kollegen, seinen engen freundschaftlichen Beziehungen aber auch harten Auseinandersetzungen mit ihnen.
"Die Freuds" wirft einen sehr ausführlichen Blick auf die Entwicklung der Töchter und Söhne von Sigmund Freud. Weissweiler schreibt über ihre Stellungen in der Familie: Mathilde, die älteste, von Freud wenig geliebt, die drei Söhne, Martin, Oliver und Ernst, denen der Vater sein Leben lang kein Lob aussprechen und sie für Versager halten wird. Sophie, der Liebling der Mutter, und schließlich Anna, der Jüngsten, die das engste Verhältnis zu ihrem Vater hat.
Faszinierende Schicksale
Der Leser reist mit der Familie Freud durch die Zeit um die Jahrhundertwende, erlebt mit ihr den ersten Weltkrieg, die Zwanziger Jahre, und schließlich auch die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Die Freuds erkennen die Gefahr: aus Wien flüchtet man nach London, Freud ist zu dieser Zeit schon über 80 und schwer krebskrank. Seine Kinder werden quer über den Erdball verstreut: Sie flüchten nach Nizza, Paris und in die USA.
Eva Weissweiler ist es gelungen, ein wirklich interessantes und umfassendes Bild der Familie Freud zu entwerfen. Bewusst stellt sie nicht das Familienoberhaupt allein in den Mittelpunkt, denn gerade die Schicksale der übrigen Familienmitglieder sind äußerst faszinierend. Auch für Leser, die die psychoanalytischen Theorien Freuds nicht kennen, ist das Werk verständlich, denn es geht mehr um die Menschen, als um die Theorien. Zu empfehlen für jeden, der eine ungewöhnliche Familiengeschichte lesen möchte – mit dem Zusatz, dass diese Familie zufällig "Freud" heißt.
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