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Experte über neue Comic-Folge
"In den alten Asterix-Bänden kam Sex nicht vor"

Experte über "Asterix in Italien": "Sex kam in den früheren Comics nicht vor"
Neuer Band "Asterix in Italien" (in einem Geschäft in Stuttgart). FOTO: dpa, mut kde
Düsseldorf/Aachen. Antiker Feierabendverkehr, Multikulti-Metropolen oder kaputte Römerstraßen - auch im neuen Asterix-Comic spiegelt sich die Gegenwart im alten Rom. Dass das nicht viel mit der echten Antike zu tun hat, stört selbst Historiker nicht. Wir haben mit einem gesprochen.  Von Franziska Hein

Im neuen Band "Asterix in Italien" nehmen die beiden gallischen Helden an einem antiken Wagenrennen teil, fahren auf maroden Straßen und müssen sich gegen korrupte Römer durchsetzen. Erneut spielt der Comic mit nationalen Klischees und Vorurteilen. 

Dass die nicht viel mit der antiken Wirklichkeit zu tun haben, stört Asterix-Experte Jörg Fündling (47) aus Aachen nicht. Der Historiker forscht über das antike Rom und lehrt Alte Geschichte an der Universität Aachen. 2016 hat er ein Buch über Asterix aus althistorischer Perspektive geschrieben. Er selbst ist Fan des französischen Kult-Comics.

Mit "Asterix in Italien" ist am Donnerstag der dritte Comic des neuen Autoren- und Zeichnerduos Jean-Yves Ferri und Didier Conrad erschienen. Was ihm am neuen Band gefällt und was nicht, darüber haben wir mit Fündling gesprochen. 

Herr Fündling, sicher haben Sie das neue Asterix-Heft schon gelesen. Ihre Meinung?

Rennszene aus dem neuen Asterix-Band "Asterix in Italien". FOTO: dpa, sab kde

Jörg Fündling Das neue Autorenduo hält offenbar eine Konstanz durch. Das gefällt mir. Der neue Band ist eine Mischung aus "Asterix bei den Olympischen Spielen" und "Tour de France". Es gibt einige Rückbezüge zu alten Heften, das ist gerade für Fans schön und die Bildästhetik gefällt mir auch. Der neue Comic hat auch wieder politische Anspielungen. 

Das heißt, Sie sind nicht der Meinung, dass die alten Asterix-Bände unübertroffen sind?

Fündling Natürlich bin ich auch Nostalgiker. Mir gefallen die Bände aus der Ära Goscinny und Uderzo am besten. Aber ich finde zum Beispiel, dass die neueren Comics besser sind als die, die allein aus Uderzos Feder stammen. Uderzo ist ein toller Zeichner. Aber sein Humor hat mich nicht überzeugt. 

Was hat sich noch verändert?

Fündling Im aktuellen Comic haben auch die Nebenfiguren mehr Gewicht. Das war früher nicht so. Und auch Sex kam in den alten Bänden nie vor - bis auf den Liebeskummer von Obelix. In "Asterix bei den Pikten" gibt es eine Szene, in der sämtliche Dorfbewohnerinnen für einen Pikten schwärmen und daraufhin ihre Ehemänner in die traditionellen karierten Gewänder zwängen. Das klappt wegen der ausladenden Bäuche weniger gut.

Die erste Asterix-Ausgabe erschien in den sechziger Jahren. Hat sich die Reihe nicht irgendwann überlebt?

Fündling Natürlich läuft die Serie immer Gefahr, dass sie selbstreferenziell wird oder ihr die Themen ausgehen. Das ist den Machern aber bislang nicht passiert. 

Wie in früheren Bänden wird auch im neuen Comic mit Klischees und Vorurteilen gespielt... 

Fündling Leider verzichten die Zeichner nicht darauf, allen Ethnien südlich der Sahara die Lippen größer zu zeichnen. Immerhin werden sie jetzt nicht mehr rot ausgemalt. Aber Leser werden wieder mit sämtlichen modernen Schrullen und Schrägheiten konfrontiert. Asterix und Obelix meckern über schlechte römische Straßen, sie stehen im römischen Feierabendverkehr im Stau und müssen sich gegen einen korrupten römischen Bonzen, der Silvio Berlusconi ähnelt, durchsetzen. In den Comics spiegelt sich unser Bild der Antike wider. 

Welches Bild transportieren die Comics denn von der Antike? 

Fündling Natürlich sind die Geschichten ahistorisch. Sie sind eher ein Phänomen der Rezeptionsgeschichte. Sie transportieren das Bild der Antike, das wir aus den Hollywood-Blockbustern kennen. Und sie leben, wie gesagt, von den Rückbezügen: Das heißt, sie übertragen moderne Probleme in die Welt des antiken Roms - und das witzig und oft gekonnt.

Wie steht es um historische Genauigkeit?

Fündling Vieles geht natürlich vollkommen an der historischen Realität vorbei. Es ist eher so, dass sie in historischen Details verblüffend genau sind. So stehen im neuen Band nun original römische Meilensteine am Straßenrand und keine Kilometersteine mehr, nur eben ohne die römischen Inschriften, die eigentlich typisch sind. Und die Macher zeigen ein multiethnischen Rom. Das trifft auch auf die historische Realität zu. Denn das, was wir heute Italien nennen, war früher eine Region mit vielen unterschiedlichen Völkern und Stämmen. 

Warum, glauben Sie, kann sich Asterix inmitten von Manga und Anime immer noch so behaupten?

Fündling Die Welt von Asterix und Obelix ist eine schöne, abgeschlossene Welt, die mit großer handwerklicher Qualität und geistreich und witzig dargestellt wird. Die Bereitschaft zur politischen Satire macht die Comics besonders. Dazu kommt vielleicht auch der Kreuzworträtsel-Effekt, wenn man raten muss, welches lateinische Wort die Grundlage für einen komischen Namen ist. Im neuen Comic kommt zum Beispiel ein Lactus Bifidus vor. Und: Die Antike tut keinem mehr weh - soll heißen, die Konflikte von Germanen und Römern sind heute politisch nicht mehr brisant. 

Die Fans wachsen ja auch mit. Asterix ist längst kein Phänomen der Jugendkultur mehr. 

Fündling Es ist sogar so, dass viele meiner Studenten Asterix nicht mehr kennen. Heute kann man sich auch als Erwachsener dazu bekennen, Comics zu lesen. 
 

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