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Wirbel um neuen "Schweden-Krimi": Frank Schirrmacher stirbt in einem Roman

VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 15.08.2012 - 06:45

Düsseldorf (RP). Ein bekannter Journalist maskiert sich mit einem Pseudonym, um in einem Schweden-Krimi einen ungleich bekannteren Journalisten mit einer Schaufel erschlagen zu lassen. Alles nur Spekulation? Oder ein publizistischer Racheakt nach Art von Walsers "Tod eines Kritikers"?

Frank Schirrmacher, Chef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Foto: Kulturforum Düsseldorf
Frank Schirrmacher, Chef der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Foto: Kulturforum Düsseldorf

Frank Schirrmacher ist ein bedeutender Mensch: Publizist von pessimistisch-konservativer Grundstruktur, Gesellschaftsdeuter mit der Nase im Wind, Chefjournalist für das von ihm tief bis ins Politische, Soziologische, Technologische ausgeleuchtete Kulturleben, einer von fünf Herausgebern der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) in der Nachfolge des unvergessenen Joachim Fest. Nun, so raunt es in den deutschen Feuilletons, sei Schirrmacher umgebracht, ach was: mit der Schaufel erschlagen worden an düsterem Ort, in den Wäldern Südschwedens. Wir wissen aus Krimis, dass deren Idylle oft den naturgrünen Vorhang bilden, hinter dem sich menschliche Abgründe auftun.

Dem Lokalreporter Ronny Gustafson steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, denn er hat soeben von einem deutschen Parade-Intellektuellen nicht viel mehr vorgefunden als das: von Aasfressern abgenagte Beine, Hautfetzen, verstreute Knochenstücke, Knorpelteilchen, Kleiderstoff, Schuhwerk. Die Leiche lag wohl schon seit längerem dort, wo sie Gustafson in ziemlich aufgelöstem Zustand entdeckt hat.

Handelt es sich wirklich um d e n Frank Schirrmacher? Richard Kämmerlings meint, das sei so. Richard Kämmerlings hat am Dienstag mit einem gewaltigen Aufschlag in der Zeitung "Die Welt" ein Gerücht verbreitet, einen Sturm ausgelöst, der mehr sein könnte als ein solcher im Wasserglas. Es ist gelungene Spekulation, die Kämmerlings in die Welt setzt. Bei dem Toten im Schweden-Wald dürfte es sich um den "Journalisten des Jahres 2004", den "Kulturjournalisten des Jahres 2010", um den Bestsellerautoren ("Das Methusalem-Komplott", "Minimum") handeln, den Zeitungsmann, dem ein paar Scoops gelangen (z.B. Günter Grass' Outing als Waffen-SS-Jüngling, Abdruck des kompletten menschlichen Genoms).

Gerüchte über das Ableben noch lebender Personen kommen vor

Nun kommen Gerüchte über das Ableben noch lebender Personen vor. Die Kunde vom Tode des Frankfurt/Berliner Großintellektuellen hat keinen realen Hintergrund. Den Freunden Schirrmachers, ob bei der FAZ, beim Goethe-Institut, bei Millionen von Lesern sei kundgetan: Der Mann lebt, ist nicht wirklich gemeuchelt worden, sondern bloß in dem Kriminalroman "Der Sturm". Der kommt in der nächsten Woche in den Handel. An seiner Vorab-Publizität wird der S. Fischer Verlag seine helle Freude haben.

Schirrmacher wohl weniger. Ihm, dem Toten aus "Der Sturm" (er heißt dort Christian Meier) wurde nicht nur von einem rachsüchtigen Finsterling aus der globalaktiven Finanzbranche der Schädel eingeschlagen, "Der Sturm" zertrümmert, besser: fegt noch Anderes hinweg: Schirrmachers/Meiers bislang tadellosen bürgerlich-konservativen Ruf. Zwar deuten die teuren, selbstverständlich handgenähten, auf Rahmen gefertigten Schuhe, die Fetzen einstmals edler Kleidung darauf hin, dass sich hier ein Mann zum Herrn stilisiert haben muss, aber, so lässt uns der Autor Per Johanson wissen: Der Herr Chefredakteur de luxe ging in den Puff, war hinter jungen Dingern her, konnte als Vorgesetzter ein echtes Ekel sein, an einem Tag Freund, am Tag darauf Quälgeist. Vielleicht nicht im Feuilleton, aber im Sport nennt man so jemanden Stinkstiefel.

Wer könnte der Verfasser sein?

Wer könnte so etwas Meier/Schirrmacher antun, wer mag ihm den feinen Zwirn zerrreißen wollen, wer wird ihn so hassen, dass er ihn im Roman um die Ecke bringen lässt? Dies vorweg: Per Johanson ist es nicht, der ist eine Erfindung des S. Fischer Verlages. Ein Verlagssprecher sagte gestern, ein Autoren-Duo habe das Buch verfasst; Autoren hätten das Recht, unter Pseudonym zu schreiben. Allerdings, so der Sprecher selbstkritisch, sei man bei der Marketing-Inszenierung diesmal wohl etwas zu weit gegangen, denn über den nicht existenten Per Johanson werden zu Werbezwecken gar biografische Angaben veröffentlicht. Überschießender Einfallsreichtum beim Verschleiern des/der wahren Autoren.

Wer hat's denn nun wirklich geschrieben, wer ist für den "Sturm" verantwortlich? "Welt"-Mann Kämmerlings zählt nicht nur plausibel Indizien dafür auf, dass der erschlagene Christian Meier Frank Schirrmacher ist; auch dafür, dass es sich bei dessen literarischem Meuchler um "den alten Schweden" Thomas Steinfeld, den Feuilleton-Chef der "Süddeutschen Zeitung" handelt, gibt es Anzeichen von einiger Gerichtsfestigkeit.

Steinfeld im engeren Kreis der Verdächtigen

Schirrmacher-Steinfeld – bei dieser Paarung schnalzen Kenner der deutschen Kulturszene mit der Zunge. Das verspricht ein veritabler Leckerbissen zu werden, eine Schlachtplatte, angerichtet und vergiftet von Steinfeld, und Schirrmacher (aus Steinfelds Sicht) ist endlich einmal sein Opfer. Steinfeld, so wird berichtet, muss als Redakteur im Feuilleton der FAZ unter Herrschaft und Launen des begnadeten, manchmal irrlichternden Schirrmacher gelitten haben. Im Krimi wird dieser so skizziert: ein big shot, kein einfacher Journalist, bisschen verrückt, ziemlich erfolgreich, Chef einer Zeitung, die in ganz Deutschland gelesen wird.

2001 flüchtete Steinfeld unter Rauschen im Blätterwald von Schirrmacher zur "Süddeutschen". Nach dem alten Motto, wonach man Rache kalt genießen soll, hat Steinfeld also vermutlich ein Jahrzehnt verstreichen lassen, um seinen ehemaligen Vorgesetzten wenigstens in Romanform psychisch zu erledigen und (siehe Bordell-Besuche und Chat-Frivolitäten) vom Sockel zu holen. Von dem aus schaut Schirrmacher, der bereits in jungen Herausgeber-Jahren Züge eines Grandseigneurs ohne eisgraues Haar besaß, über Deutschland, die Literatur und den Homo sapiens auf dessen Wegen und Irrwegen.

Zum Buch, einem publizistischem Indizienprozess, meinte Schirrmacher: "Ich lese keine schwedischen Kriminalromane."

Quelle: RP/felt/csi
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