Franz Kafka: Der Prozeß
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 02.06.2003 - 15:34"Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Ein Auftaktsatz, der nicht nur deshalb berühmt ist, weil Franz Kafka ihn geschrieben hat. Diese paar Worte bündeln vielmehr alles, was diesen Roman im Folgenden ausmacht
Er führt den Helden in seiner ganzen Namensverstümmlung ein, von einer offenbar mehr als dubiosen Verhaftung ist die Rede, von Verleumdung und schließlich vom Bösen. Dies soll Josef K. zwar nicht begangen haben, aber da das Wort nun einmal gefallen ist, lebt es fort im Roman, bleibt virulent in der Phantasie des Lesers. Eigentlich ist dieses absonderliche Buch eine Art Krimi, ein Rätselwerk. Mit einem großen Unterschied das Geheimnis wird nie gelöst.
Das Ergreifende der Geschichte ist die Fassungslosigkeit des Josef K., der ebenso irritiert wie der Leser einfach nicht glauben kann, wie ihm und was ihm geschieht. Bis er sich in seiner ganzen menschlichen Ohnmacht nur noch fügt und dieses groteske Spiel einfach mitspielt. Er nimmt sich einen Anwalt für den undurchschaubaren Prozess vor einem gesichtslosen Gericht. Bis Josef K., ein höherer Bankangestellter, nach einjähriger Verhandlung von zwei Vertretern der Gerichtsbarkeit abgeholt und in einem Steinbruch erstochen wird. Was für ein lapidares, beiläufiges Ende! Und dennoch, die ganze Ausweglosigkeit der Geschichte bedrückt, ihre Deutungsvielfalt macht ratlos. Ein Spiegelbild des ohnmächtigen Menschen der Moderne? Und ist es in diesem Sinne nicht folgerichtig, dass "Der Prozeß" (entstanden zwischen 1914 und 1915) Fragment geblieben ist?
Nun hat sich Christian Brückner an diesen Klassiker des 20. Jahrhunderts herangewagt. Die Hilflosigkeit des Helden ist nicht unbedingt sein Sprach-Terrain. Er muss sich hörbar zur Langsamkeit zwingen, er stockt, wird leiser, fasst wieder neuen Mut. So wird die Lesung selbst zu einem Experiment, bei dem man sich erst an Brückners Vortrag gewöhnen muss. Seine in der Literatur schon überreichlich bewährte Stimme muss sich bei Kafka neu einschmeicheln. Die Anstrengung wird belohnt. Christian Brückner lässt den "Prozeß" über die Gesamtlänge von stolzen 516 Minuten in all seiner Finsternis erstrahlen.
(7 CDs)
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