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"Frauen und Kleider"
Nicht was man trägt, ist wichtig, sondern wie

"Frauen und Kleider": Nicht was man trägt, ist wichtig, sondern wie
Die New Yorker Herausgeberinnen des Buchs "Frauen und Kleider" betreiben Gesellschaftskunde, indem sie über Stil philosophieren (v.l.): Heidi Julavits (47) Leanne Shapton (42) und Sheila Heti (38). FOTO: Gus Powell / S. Fischer Verlag
New York. Das gescheiteste und amüsanteste Buch über Stil, das es je gab: "Frauen und Kleider" ist eine Schatzkiste voller Gegenwartsanalysen. Von Philipp Holstein

Genau so muss man das machen, nur so bekommt man die Gegenwart zu fassen: indem man die Dinge und Sachen berichten lässt, die uns umgeben. Die Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits haben das getan, sie stellen Kleidung in den Mittelpunkt ihres tollen Buchs "Frauen und Kleider", sie haben Jacken, Röcke und T-Shirts vom Warencharakter befreit und betrachten sie nicht länger als Oberflächlichkeiten, als "Must Haves" oder "Do's & Dont's" also, als "these foolish things", wie das in Modemagazinen so oft der Fall ist. Sondern im Gegenteil als das, was sie werden, wenn man sie berührt und seinem Leben einverleibt, als Zeichen nämlich, die man lesen kann, und deren Geschichten zusammengenommen den Roman unserer Zeit ergeben.

"Was wir tragen, was wir sind" heißt der Band, der in den USA zum Bestseller geworden ist, im Untertitel. Er ist eine Schatzkiste voller Storys, Analysen, Grafiken, Bilder, Gespräche und Illustrationen. Die Herausgeberinnen haben rund 600 Frauen, darunter berühmte wie TV-Star Lena Dunham ("Girls"), die Musikerin Kim Gordon (Sonic Youth) oder die Künstlerin Cindy Sherman, Fragen zum Thema Kleidung zugeschickt. "Hast du je etwas gekauft, das dein Leben verändert hat?", wollten sie wissen, "verfolgst du mit der Art, wie du dich anziehst, ein politisches Ziel?" und "wie beeinflusst dein kultureller Hintergrund deine Kleiderwahl?" Man sieht es schon, das ist ein intellektueller Zugang zum Thema, es gibt kein triviales Geplänkel über Garderobe und Glamour. Dennoch ist das alles amüsant und kurzweilig.

Eine Frau schreibt etwa, dass sie als Mutter kleiner Kinder in New York am liebsten einen ziemlich hässlichen Parka trägt, weil der große Taschen hat, in denen sie alles mit sich führen kann, was man auf dem Weg vom Kindergarten eben so braucht. Sie betrachtet dieses unförmige Kleidungsstück genauer, sie gerät ins Philosophieren über das ungeliebte Stück Stoff, und so dankbar sie über ihre praktische "Mom-Uniform" einerseits ist, so sehr ersehnt sie anderseits die Zeit, da die Kinder endlich groß sind: Dann werde sie nur noch Designer-Kleider tragen, "Wow-Kleider", jedenfalls keine Säcke, in denen sich ihre Persönlichkeit auflöst. Eine andere Autorin erzählt, wie sie eine Bekannte in einem Kleid von Isabel Marant sah und dass sie sich in das Kleid verliebte und es auch kaufte, es aber nie mit Würde tragen konnte, weil es nachgemacht war und sie immer an die andere Frau erinnerte.

Solche Bekenntnisse sind nie Selbstzweck, das Subjektive wird nach den Prinzipien der amerikanischen Essayistik ins Allgemeine überführt, die Autorinnen schlagen die Brücke ins gesellschaftliche Umfeld. Die Texte sind ebenso psychologische Studien wie anthropologische Beweisführungen, ihre Erkenntnisse lauten so: Stil ist eine Art, zur Welt zu sprechen. Stil ist nicht das, was man trägt, sondern die Art, wie man es trägt. Und: Stil ist die Aufhebung der Distanz zwischen Körper und Charakter.

Es gibt viele schöne Rubriken in diesem Band. So sollten Frauen Fotos von ihren Müttern aus jener Zeit einsenden, als diese noch keine Kinder hatten. Die Töchter sollten ihre Mütter sodann beschreiben, und das zu lesen, ist wunderbar. Es werden Landkarten von Schlafzimmerböden gezeichnet, auf denen Frauen als Entscheidungshilfe Alternativ-Outfits für Anlässe wie Präsentationen oder Bewerbungen ausgebreitet haben. In einer anderen Rubrik legen Frauen ihre Hände auf Fotokopierer und erzählen die Geschichten der Ringe, die sie tragen. Dadurch wird offenbar, wie viel Gehirnarbeit der Entscheidung vorausgeht, ein Schmuckstück anzulegen, wie viel Persönlichkeit in dieser Entscheidung steckt und wie sehr wir an Dingen hängen.

Als männlicher Leser erfährt man Neues aus dem Nähkästchen, etwa wenn Frauen verraten, wie wenig Einfluss der Lebenspartner auf den eigenen Kleidungsstil hat. Dass Frauen auf der Straße eben nicht Männern nachsehen, steht da auch, sondern Frauen, und zwar solchen, die mit ihren Kleidern etwas ausdrücken, erzählen oder für etwas stehen. Eine Türkin erzählt, dass sie nur Schwarz trage, aus Protest gegen die Regierung, und die 18-jährige Reba Sikder sagt, wie es ist, in Bangladesch als Näherin zu arbeiten.

Das Buch erfährt schließlich eine Erweiterung in den Besprechungen, die es erhält - man muss nur mal schauen, wie die zumeist weiblichen Rezensenten in den USA darauf reagierten, wie sie die Thesen durch Plaudereien über eigene Vorlieben bestätigten, wie sie sich also an der Gegenwartskunde beteiligten. Man fragt sich, wie lange man warten muss, bis es so etwas auch für Männer gibt.

Shapton, Heti und Julavits sind in den USA ziemlich bekannt, sie schreiben Romane und suchen zeitgemäße Formen des Erzählens. Shapton erregte 2010 auch bei uns Aufsehen, als sie einen Liebesroman veröffentlichte, der ohne Worte auskam, lediglich in der Form eines Auktions-Katalogs Gegenstände zeigte, die aus einer zerbrochenen Beziehung übrig geblieben waren. Der Leser konnte sich die Romanze aus dem Inventar selbst zusammenbauen: ein Experiment mit herzergreifender Wirkung. "Frauen und Kleider" ist ähnlich geartet. Wer es liest, sieht den Kleiderschrank künftig als Archiv seiner Emotionen und Kleidung als Kommunikationsform: Jedes Stück, so es bewusst gewählt wurde, atmet Erinnerungen aus, hat Bedeutung, unterstützt Persönlichkeit. Vielleicht ist das die Lehre dieses Buchs: Es bringt nichts, andere zu kopieren. Stil lässt sich nicht übertragen.

Ich werden kann man nur alleine.

Quelle: RP
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