Friedler / Siebert / Kilian: "Zeugen aus der Todeszone"
zuletzt aktualisiert: 07.06.2003 - 15:01Frankfurt/Main (rpo). "Dann wurden alle Türen hermetisch verschlossen und durch eine kleine Luke in der Decke Gas hineingeworfen. Die im Inneren eingesperrten Menschen konnten schon nichts mehr tun. Also schrien sie nur mit bitteren, kläglichen Stimmen. Andere klagten mit Stimmen voll Verzweiflung, noch andere schluchzten krampfhaft und es erhob sich ein grauenvolles Weinen."
Der polnische Jude Lejb Langfuß, der diese erschütternden Zeilen auf dem Krematoriumsgelände von Auschwitz-Birkenau vergraben konnte, gehörte zum Sonderkommando, das im unmittelbaren Bereich der Gaskammern eingesetzt war. Er war einer der unfreiwilligen "Zeugen aus der Todeszone", wie der Titel eines Buches von Eric Friedler, Barbara Siebert und Andreas Kilian lautet. Basierend auf Gesprächen mit Überlebenden sowie ausgiebigen Recherchen geben die Autoren einen tiefen Einblick in eine Mordfabrik, deren perfide Grausamkeit das menschliche Vorstellungsvermögen schlicht übersteigt.
Jüdisches Sonderkommando: "Sklaven der Gaskammer"
Die dem Sonderkommando zugeteilten Häftlinge - überwiegend Juden wie die den Gastod erleidenden Opfer - mussten den Todgeweihten beim Auskleiden helfen und ihnen gut zureden, dass jetzt lediglich eine Desinfektion anstehe. Anschließend mussten sie die Leichen aus der Gaskammer zerren, ihnen Goldzähne und Prothesen entfernen sowie die Haare abschneiden und sie schließlich in den Krematoriumsöfen verbrennen. Sie waren die "Sklaven der Gaskammer" - so heißt auch ein ARD-Dokumentarfilm, an dem die Autoren mitgewirkt haben.
Von insgesamt 2.200 Mitgliedern des von 1941 bis Ende 1944 operierenden Sonderkommandos haben nur rund 110 die Todeszone überlebt, etwa 20 sind noch heute am Leben. Lejb Langfuß wurde kurz vor der Befreiung umgebracht - wie die meisten seiner Leidensgenossen, die als Zeugen des Massenmordes für die deutschen Nationalsozialisten zu gefährlichen Geheimnisträgern geworden waren. Zu den wenigen Überlebenden gehört der Pole Lemke Pliszko. Auf die Frage, wie er die Arbeit im Sonderkommando aushalten konnte, antwortet er schlicht: "Jeder will noch einen Tag leben."
Verzweiflung und lähmende Apathie
Ein zäher Überlebenswille wird in zahlreichen Aussagen deutlich. Jehoshua Rosenblum schildert, wie ein Rabbiner ihn kurz vor seinem Tode ausdrücklich zum Durchhalten ermutigte: "Du wirst am Leben bleiben und der ganzen Welt erzählen, was diese Verbrecher mit uns gemacht haben." Salmen Lewenthal, der wie Langfuß schriftliche Aufzeichnungen hinterließ, sieht es nüchterner: "Der Mensch redet sich selber ein, dass es ihm nicht um das eigene Leben gehe, ... sondern nur um das Wohl der Allgemeinheit ... Die Wahrheit ist die, dass man um jeden Preis leben möchte." Unter den Bedingungen der Todeszone betrachtet Lewenthal Selbstmord als "individuellen Akt des Mutes", zu dem sich jedoch nur wenige entschließen konnten.
Die Tatsache, dass die Häftlinge des Sonderkommandos dem Massenmord tatenlos zuschauten, ist ihnen nach dem Krieg mehrfach als Kollaboration mit der SS zur Rettung der eigenen Haut ausgelegt worden. Die Autoren zeigen jedoch auf eindrucksvolle Weise, dass die Betroffenen keine Chance hatten, wirksam gegen die Vorgänge in der Todesfabrik zu rebellieren. Die Ausweglosigkeit ihrer Lage führte zu Verzweiflung und lähmender Apathie. Individuelle Auflehnung gab es trotzdem und schließlich sogar einen größeren Aufstand, der jedoch kläglich scheiterte. Ein Grund lag darin, dass es sich bei dem Sonderkommando um eine Gruppe völlig ungleicher Individuen handelte, deren einzige Gemeinsamkeit das Grauen war.
Dieses Trauma ist ihnen allen geblieben. "Bis heute kann ich damit nicht leben. Die Nächte sind sehr lang", sagt Jaacov Silberberg, der ständig von Alpträumen gequält wird. "Das ist eine Krankheit ohne Namen", bestätigt Shlomo Venezia. Dennoch sind viele Überlebende bereit, über ihre Erfahrungen zu reden. Denn als Zeugen aus der Todeszone fühlen sie sich verpflichtet, für diejenigen zu sprechen, deren Stimmen für immer in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau verstummten.
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