Auszüge aus dem Lyrikband: Gernhardts letzte Verse
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 14.07.2006 - 10:44Düsseldorf (RP). „Später Spagat“ heißt der Lyrikband, an dem Robert Gernhardt noch auf dem Sterbebett gearbeitet hat. Am 18. Juli soll das Buch erscheinen. Es versammelt noch einmal Gedichte über den Krebs und die Liebe, den Abschied und die Schönheit. Wir veröffentlichen vorab einige von ihnen.
Oha - hier irrte der Dichter enorm. Deutschland hat eben nicht den Weltpokal errungen, wie es das Gedicht „Wir Weltmeister“ trotzig verkündet und sich mächtig streckt, die erste Zeile „Warum wir Deutschen die WM gewinnen?“ auch halbwegs plausibel zu machen. Das Gedicht stammt von Robert Gernhardt. Es ist eins seiner letzten und wird im Band „Später Spagat“ zu lesen sein, der postum am 18. Juli erscheinen wird.
Natürlich läuft die Kritik an der Falschaussage komplett ins Leere. Gernhardt starb am 30. Juni, und da frohlockte noch das deutsche Fußballvolk im Viertelfinale. Dennoch ist der Vorwurf nicht despektierlich, Gernhardt selbst dürfte sogar Spaß an diesem kleinen Disput gehabt und dem Kritiker zunächst erklärt haben, dass dieses Gedicht ein Sonett sei, genauer: ein Akrostichon, dessen Anfangsbuchstaben jeder Zeile ein Wort ergeben. In diesem Fall wird der Titel wiederholt, also „Wir Weltmeister“. Das zum einen, lieber Nörgler, hätte Gernhardt so oder so ähnlich gesagt; und dann zur Brille gegriffen, ein wenig - aber ganz unnötig - dran herumgerückt und dem Adepten die Zeilenenden unter die Nase gehalten. Was reimt sich denn da so munter miteinander? Und dann schaut man noch einmal hin und liest, dass unsere „Fußballgrößen“ mit „Klößen“ und „Blößen“ und „Ösen“ in Verbindung stehen.
Der Dichter hat wie immer recht. Seine Verse auch. Und der Leser dankt für dieses imaginierte Gespräch mit dem Verstorbenen über seine letzten Verse hinweg. Das ist der besondere Reiz dieses letzten Lyrikbandes: dass Gernhardt uns lebendig bleibt und zwei Wochen nach seinem Tod auf eine Weise zu uns spricht, wie er es am liebsten und am besten tat - in Versen.
Schon deshalb ist „Später Spagat“ kein Abschiedsband, sondern ein Lebensgruß in 121 Gedichten aus seinen letzten drei Jahren. Und die beiden Überschriften, Standbein und Spielbein, geben den Takt vor: mit dem Leichten und dem Bodenständigen, der Ruhe und dem Bewegten, mit dem Leben und der Kunst. Von allem findet sich etwas, wie so oft bei Gernhardt. Auch Gedichte über, gegen und mit dem Krebs, wobei der Dichter im „Krebsfahrerlied“ sich absichtsvoll im Ton vergreift. Ausgerechnet der Weg zur Chemotherapie, zum Gifthaus und zum Gifttropf, atmet eine Erhabenheit, die der medizinischen Versorgung eine Idylle vorgaukelt: „Durch die Auen, durch die Triften reise ich, mich zu vergiften.“
Eindrucksvolle Verse
Die Krebsverse sind die eindrücklichsten, sind hart, manchmal derb, oft unverblümt und ohne Schonung für den Sänger. Aber solange gesungen wird - das ist die uralte und noch immer gültige Weisheit der Dichtung -, leben wir. Und wie! Immer wieder treibt die Liebe den Dichter zu Blatt und Papier, wie die Schönheit und die schönen Frauen. Gernhardt als unermüdlicher Minnesänger, das war er immer und jetzt nachlesbar bis zuletzt. „Mein Kind,/ich will ja nichts von dir./Ich will ja nur/das Eine:/Dich haben und halten/Dich laben und schalten/Dich fassen und drehen/Dich lassen und gehen.“
Auch wenn das Leben manchmal andere, weniger schöne Pläne hat, zumindest die Dichtung bringt’s. Dieser alte Sehnsuchtsort! Diese schöne Zauberbude, in der, weil alles sagbar und alles denkbar ist, auch alles möglich wird. So sind die vielen Standbeine und Spielbeine auch eine Hommage an Gernhardts Hausgötter geworden: an Paul Gerhardt und Ernst Jandl, an Pessoa und vor allem Ringelnatz. Stichwortgeber, Ansprechpartner und Einflüsterer sind sie dem Frankfurter Dichter, in finsteren Stunden werden sie wohl auch seine Therapeuten gewesen sein.
Robert Gernhardt hat an dem Buch, das seiner Frau gewidmet ist und mit einer Startauflage von 20000 Exemplaren erscheint, noch auf dem Sterbebett gearbeitet. Parallel zu einem Band mit 25 Geschichten, die unter dem Titel „Denken wir uns“ im Frühjahr herauskommen.
Das letzte Gedicht, „Nachbarhundehalter“, diktierte er seinem Lektor wenige Tage vor dem Tod noch in den Stift. Es ist - typisch für ihn - kein bleischweres Vermächtnis, sondern ein launiger, letzter Gruß aus Gernhardts Welt: „Wir mußten unsern Hund verhauen./Der Töle fehlt’s an Grundvertrauen!“
Robert Gernhardt: „Später Spagat“. S. Fischer Verlag, 113 Seiten, 14,90 Euro. Das Buch erscheint am 18. Juli im Handel.
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