Neuer Gedichtband: Grass als dummer August
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 18.03.2007 - 15:18Düsseldorf (RP). Ein neuer Band mit Gedichten und Lithografien von Günter Grass erscheint am Montag. Darin geht der Nobelpreisträger vor allem auf die Debatte um seine Person und die frühe Mitgliedschaft in der Waffen-SS ein.
Alles eine Sache der Betonung. Meint Günter Grass mit seinem neuen Gedichtband „Dummer August“ nun den sprichwörtlichen Tölpel oder den Monat des vergangenen Jahres, der für den Nobelpreisträger im wahrsten Sinne des Wortes „dumm“ gelaufen ist. Sein Bekenntnis, er sei als junger Mann in der Waffen-SS gewesen, hatte für eine große und erregte Debatte um seine Person geführt.
Grass meint beides, den Tölpel wie den Monat. Eine der vielen Zeichnungen des großformatigen Bandes zeigt ihn mit zerknirschter Mimik unter spitzem Clownshut; und gewickelt ist die Kopfschmuck „aus der Zeitung von gestern“, wie es im Titelgedicht zu lesen ist. Eine Selbstanklage? Wer Grass kennt, wird das nicht ernsthaft fragen wollen. Und wer die Gedichte liest, wird früh erkennen, dass es eine Grimasse ist, eine Maske zum Selbstschutz.
Das ist es wohl, was die meisten Verse sagen, andeuten wollen: die Verletzung und Kränkung eines Menschen; sein Gefühl, verfolgt und mit seinem Fehltritt in jungen Jahren ausgestellt zu werden. Da steht einer „am Pranger“, heißt es in einem Gedicht. Der öffentlichen Diskussion begegnet Grass jetzt zeichnend und dichtend auf sehr persönliche Art. Er zeigt seine Wunden und zieht sich zurück, wie es verletzte Tiere instinktiv tun.
Der Rückzug ist zweifach: Er geht tief ins Gehölz, er entdeckt Schnecken, sammelt Steinpilze. Und er liest die großen, alten Vorgänger: Goethe und Heine kommen ihm in den Sinn, auch Laurence Sterne.
Das Gedicht, so hat Grass vor etlichen Jahren einmal geschrieben, „ist immer noch das genaueste Instrument, mich neu kennenzulernen“. Doch „Dummer August“ versammelt vor allem Reaktionen, weniger Reflexionen. Verletzung, Zorn und stille Abkehr führten Stift und Zeichenfeder. Vielleicht sind die Verse auch zu dicht den Ereignissen gefolgt. Im Spätsommer und Herbst sind sie entstanden - also fast parallel zu den Debatten, Diskussionsrunden und Lesungen aus seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“.
Der Gedichtband ist mehr Klage als Anklage, mehr Einkehr als Verteidigung, eher Rückzug als Gegenangriff. Vielleicht ist es eine Art therapeutisches Schreiben: Alle Kritik ließ ihn nicht die Sprache verschlagen. Im Gegenteil: Das Wort wird ihm Zuflucht. Das ist jedoch ein einsamer Ort, unter stummen Bäumen, die - wie die toten Freunde - zum Ansprechpartner werden. „Bald“, so heißt es, „ist zu ahnen -/werde ich nur noch mit mir plaudern, redselig wie ich bin.“
Schon deshalb braucht Grass einen größeren Erzählraum. Seine Verse sind meist gebrochene Prosa im Grass-Sound und dienen - wie das zeichnerische Werk - den Romanen als Begleitung. Das ist auch mit „Dummer August“ so, der kommentierend an der Seite der Autobiografie steht und sich manchmal in schnellen Wortspielen verliert: Von der „wahrheitsliebenden Binse“ ist dann die Rede, oder auch „Makel verpflichtet“.
Freilich werden die neuen Gedichte zum Ende des Bandes immer bitterer. Dann findet sich kaum noch eine Seite, die ohne das Wort „Niedertracht“ auskommt. Und kaum noch ein Gedicht, das nicht die „Helden von heute“ - also seine Kritiker - meint. Grass hat selbst in der Not stets „Wörter auf Abruf“, wie ein früher Vierzeiler von ihm heißt. Darin ist aber auch zu lesen: „Und doch wird ein Rest/ungesagt bleiben.“
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






