Buch-Kritik: György Méhes: Siebenbürger Millionäre
VON SUSANNE RÖBER - zuletzt aktualisiert: 29.12.2005 - 10:00Franz Keller, ein junger Gerbermeister, macht sich 1877 aus seiner bayerischen Heimat auf den Weg in das östliche Europa. Halb geplant, halb dem Schicksal folgend, lässt er sich in Siebenbürgen (heute Rumänien) nieder. In dieser auch durch deutschsprachige Sachsen und Juden geprägten Region, findet der ehrgeizige Handwerker nicht nur seinen berufliches, sondern auch privates Glück: Karoline, die Metzgerstochter wird ihm nicht nur ihr Herz, sondern auch sechs Söhne schenken. György Méhes erzählt die Geschichte der "Siebenbürger Millionäre".
Mit seinem Wissensvorsprung in der Gerberkunst, seinen fleißigen Söhnen und einem treuen Mäzen aus jüdischer Familie, schafft der Protagonist Keller schon bald, den Sprung vom Handwerksmeister zum Fabrikant: "Keller & Söhne" wird zum Begriff für Qualitätsleder. Mit dem Aufstieg in die nationale und bald auch schon internationale Liga des Kapitals wird die Fabrik, und mit ihr die Familie Keller, aber auch zum Spielball der wirtschaftlichen und politischen Turbulenzen der Zeiten bis zum Zweiten Weltkrieg.
Der Autor György Méhes (geb. 1916) zeichnet nüchtern aber unterhaltsam anhand der privaten Eckdaten der Familie (Liebe, Hochzeit, Geburt und Tod) ein Bild von dieser Epoche. Was als Familien-Klatsch daherkommt, drückt letztlich nur die Klassen- und Religionskonflikte jener Zeit aus: Siebenbürgern ist geprägt von Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Ungarn, Europäern und Türken, Arbeitern und Fabrikanten, Juden und Protestanten oder altem Adel und neureichen Emporkömmlingen.
Der Roman ist ein 400 Seiten starker Ritt durch die Geschichte des Spätkapitalismus, interessant auch deshalb weil er sich einen Schauplatz sucht, den wir jüngeren Deutschen zunächst nur aus der leidlichen Vertriebenen-Diskussion kennen. Der Autor gibt genug Anregungen, die Geschichte des Gebietes nochmal nachzuschlagen, enthält sich aber schlauerweise klarer Stellungnahmen. Lediglich durch die etwas glorifizierende Beschreibung des Gründers Franz Kellers und seiner Söhne, wird eine etwas einseitige Bewunderung für den Fabrikanten des alten Schlags deutlich. In dieser Familie regiert nicht nur das Geld, sondern auch das Herz und die Verantwortung für Arbeiter und Land. Eigenschaften, die angesichts der aktuellen "Manager-Diskussion etwas kitschig anmuten. Da aber neben den Kellers jede Menge andere Akteure und Schauplätze auftreten, ist das Buch in jedem Fall nicht nur historisch interessant, sondern auch unterhaltsam.
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