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"Eigentlich müssten wir tanzen"
Eine poetische Postapokalypse mit harten Momenten

Heinz Helle "Eigentlich müssten wir tanzen": Poetische Postapokalypse mit harten Momenten
FOTO: dpa, sab
Berlin . Wie reagieren Menschen, wenn sie in eine tote, verlassene Welt gestoßen werden? Fünf Männer verbringen ein Wochenende in einer Berghütte. Als sie ins Tal zurückkehren, ist dort alles verwüstet, die Menschen sind tot. Die Männer sind auf sich allein gestellt.

"Wenn es zu kalt ist zum Hinlegen, abends, bleiben wir stehen. Wir stehen eng beieinander, Rücken an Rücken, Seite an Bauch. Wir drehen uns langsam weiter im Verlauf der Nacht, jeder darf einmal in der Mitte stehen, jeder muss ab und zu an den Rand." Auch früher haben die fünf Freunde so dicht beieinander standen, "früher, in der U-Bahn, im Feierabendverkehr". Doch das war in einer anderen Zeit.

Jetzt brauchen sie die gegenseitige Wärme zum Überleben, denn auf der Welt haben sie nur noch sich. Es ist eine finstere Welt, in die sich die Männer plötzlich hineingeworfen sehen, eine Welt der Zerstörung, Brandschatzung und Verwüstung. Warum und wieso, das wird nirgendwo erklärt. Irgendetwas Schreckliches muss passiert sein, während sie für ein entspanntes Wochenende auf einer Berghütte weilten.

Als die Freunde den Berg wieder verlassen, stoßen sie auf erste düstere Vorboten, dann auf ein abgebranntes Dorf: "Auch hier sind alle Fenster verrammelt, die Türen verschlossen, wir treffen keinen Menschen und finden keinen Hinweis auf den Verbleib der Bewohner." Es wird nicht der einzige Schrecken bleiben.

Heinz Helles (37) zweites Buch "Eigentlich müssten wir tanzen", das auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, gehört zu den postapokalyptischen Romanen im Stil von Cormac McCarthy ("Die Srtaße") und Thomas Glavinic ("Die Arbeit der Nacht"). Teilweise erinnert es auch an Davide Longos "Der aufrechte Mann", das in einem verwüsteten, von Banden terrorisierten Zukunfts-Italien spielt.

Doch das überwiegend bedrückende Szenario, das Helle hier in 69 kurzen Sequenzen entwirft, enthält auch atemberaubend schöne Momente, so der Tanz der von der Welt verlassenen Freunde im leeren Speisesaal einer Bergstation: "Die weißen Hänge im Mondlicht vor den Panoramafenstern. Ihre Schönheit. Unser Hass auf sie und ihre Schönheit, weil wir plötzlich nichts anderes empfinden konnten als eine physische Angst vor dem Tod. Also tanzten wir. Fünf Männer tanzten. Wir tanzten im dunklen Speisesaal, wir sahen unsere Gesichter nicht, wir hörten uns staunend schnaufen, hecheln, zwischen panischem Aus- und vorsichtigem Einatmen, frische Luft, kalt, viel zu kalt."

Die Freunde erinnern sich an ihr früheres Leben. Sie arbeiteten als Architekten, Piloten oder Mikrobiologen, sie gingen schon zusammen zur Schule, feierten Partys und klauten im Jugendzentrum Feuerlöscher. Diese wilden Zeiten sind lange vorbei, "so lustig wie früher würde es ja eh nicht werden", stellt der Ich-Erzähler schon auf der Hinreise fest.

Jetzt kämpfen sie gemeinsam ums nackte Überleben, diese Gemeinsamkeit gibt ihnen allein noch so etwas wie Sinn. Die Reduzierung des Lebens auf ein bloßes noch "da Sein" führt aber auch zu verstörenden Verhaltensweisen: die Männer vergewaltigen nacheinander eine Frau, ein noch lebendes kleines Kind, das sie neben seinen erschlagenen Eltern auffinden, lassen sie ohne Mitgefühl liegen.

Als sich später einer der Freunde auf dem Marsch einen Fuß bricht, fügt man sich ins Unvermeidliche: Der Verletzte wird stillschweigend am Wege liegen gelassen, aber immerhin darf er mit dem Blick auf die Berge sterben.

"Eigentlich müssten wir tanzen" ist ein Buch, das einen frösteln lässt. In einer glasklaren, aber auch poetischen Sprache rührt Helle an Existentielles. Er spricht von der Schönheit, aber auch Gleichgültigkeit der Natur, dem Überlebenswillen des Menschen, seiner Unbarmherzigkeit, aber auch seiner Fähigkeit zur Freundschaft.

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen, Suhrkamp Verlag, Berlin, 173 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-518-42493-3

(dpa)
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