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Henning Mankell: Wallanders erster Fall

VON HEIKO STRECH - zuletzt aktualisiert: 02.06.2003 - 15:34

Kaum ist der schwedische Kommissar Kurt Wallander nach acht Bestseller-Kriminalromanen und dem Willen seines Autors Henning Mankell aus unserem Gesichtskreis entschwunden, da taucht er schon wieder auf. Als junger Mann Anfang Zwanzig.

Bearbeitete Wallander in „Die Brandmauer“ noch seinen letzten Fall (bevor offenbar Tochter Linda nach Besuch der Polizeihochschule ihn als Hauptfigur ablösen wird), erfahren wir jetzt im neuen Erzählband "Wallanders erster Fall", was dieser in den Jahren zwischen 1969 und 1989 beruflich und privat getrieben hat. Also bevor der Autor mit "Mörder ohne Gesicht" 1991 die seither berühmte Wallander-Serie eröffnete.

Wer des eher griesgrämigen, von Berufs- und Selbstzweifeln geplagten Kommissars nach acht großen Fallstudien etwas müde geworden ist, der wird am jungen Wallander wenig Freude finden. Denn er gleicht dem alten desillusionierten Kriminalfuchs schon ganz erstaunlich, scheint geradezu mit der Midlife-Crisis das Licht der (Verbrechens-)Welt erblickt zu haben. Mit der späteren Ehefrau Mona gibt es schon früh Knies, mit dem grantigen Vater ebenfalls.

Wer jedoch und das dürfte die große Mehrheit sein diese schwedische Hamletfigur in der unprinzlich schäbigen Gestalt eines Kriminalkommissars der südschwedischen Kleinstadt Ystad ins Herz geschlossen hat, der wird die fünf Erzählungen des neuen Sammelbandes gespannt verfolgen. Zumal Autor Mankell auch diesmal zwingend zeigt, wie jemand, der eben gleich Hamlet und gar von Berufs wegen "die Welt einzurenken" bestimmt ist, notwendig scheitern muss. Nicht am einzelnen Fall, sondern angesichts dessen, was gesamtgesellschaftlich passiert. Die Ohnmacht des Einzelnen in der modernen Industriegesellschaft ist zwar als Thema nicht neu. Aber und das ist das Entscheidende jeder erlebt sie neu.

In seinem eigens für die deutsche Ausgabe verfassten Vorwort schreibt Mankell, seine Krimis müssten eigentlich den Untertitel "Romane über die europäische Unruhe" tragen. In "Die Pyramide", der letzten Erzählung des neuen Sammelbandes, gerät Kurt Wallander ins globale System der Drogenmafia. Rauschgift wird nachts aus einem Sportflugzeug abgeworfen. Es stürzt nahe dem Flughafen Strurup ab. Die beiden Insassen verbrennen. Wallander macht sich an die Arbeit.

Recherchen vor Ort: Befragen von Zeugen oder Verdächtigen; die ewigen Sitzungen Wallanders mit den Kollegen im Besprechungszimmer des Polizeipräsidiums in Ystad: Die für ihn typische paradoxe Spannung erreicht Mankell gerade dadurch, dass er uns kaum einen der minutiösen Schritte und Irrwege der Fahnder erspart. Die lange Weile der Ermittlungsphasen teilt sich zwar als Langeweile mit; in ihr lebt aber untergründig-unabweisbar die Spannung, es müsse doch endlich etwas Entscheidendes passieren. Doch bis zum Countdown dauert es ziemlich. Das weiß die Mankell-Leserschaft längst. Und nimmt so interessiert wie je Anteil am Alltag Wallanders der unserem Alltag so überaus gleicht in unserem jeweiligen Ystad. Atmosphäre von Stadt und Strand. Psycho- und Soziogramme von Wallanders Kollegen, haarfeines Sichverschieben der Gefühlsschichtungen zwischen Mann und Frau. Erosion im Erotischen, die nebelträchtige Wetterlage Südschwedens in Korrespondenz zur Seelenlage Wallanders und zum Stand der Dinge im jeweiligen Fall man kennt das. Aber das Kennen solcher Könnerschaft lohnt ja nun wirklich. Mit galligem Humor sind die Geschichten scharf durchweht. Die beiden alten Schwestern mit dem Handarbeitsgeschäft in "Die Pyramide", die im raffinierten Doppelspiel beim Drogenhandel mitmischen sie gehören stracks in eine gesellschaftskritische Filmsatire von Claude Chabrol.

477 Seiten


 
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